Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 33 (1877)
- Issue
- 9-10 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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ISS Im Allgemeinen sind die Juden daselbst von dem Missionar eher zu erreichen, und gehn auch bei den Gesprächen weiter in den Gegenstand ein, als die Marokkaner. Viel Freude machte den Missionaren die Schule. Ein kleines todtkrankes Mädchen wiederholte sich kurz vor ihrem Abscheiden immer die Worte des Heilandes: „Laßt die Kindlein zu mir kommen!" Ein anderes antwortete auf die Frage, wer der gute Hirte sei: „Ich habe die Bibel durchsucht von Adam bis David und von Salomo bis Christus und habe gefunden, daß Jesus allein sagen konnte: Ich bin der gute Hirte, ich lasse mein Leben für die Schafe." Wunderbar ergreifend sind auch so manche Zeugnisse aus Abessinien, aber diese haben wir bereits besonders gebracht und hoffen auch ferner über dies Land besonders zu berichten. Wir haben nunmehr eine Umschau auf dem ganzen Gebiete der Londoner Mission gehalten; Amerika und Australien allein fehlen in derselben; aber daselbst wiederholen sich nur die Erscheinungen, welche uns unter den Inden der europäischen Kulturstaaten entgegengetreten sind. Eigenthümlich für Amerika ist höchstens das Kolorit, alle Farben sind dort sehr bestimmte und grelle; in geistiger und socialer Beziehung sind es jedoch dieselben Bilder, welche uns hier wie dort begegnen. Fassen wir nun die empfangenen Eindrücke kurz zusammen, so werden wir sagen müssen: Der jüdische Stamm steht in einer völligen Umwälzung aller seiner Verhältnisse. Wir wiederholen: Die neuere Kultur ist die denselben immer durchgreifender bestimmende Macht geworden, und dieselbe hat ihn in einer Weise ergriffen, daß noch nicht abzusehen ist, was aus diesem Gärungsprozesse hervorgehen wird. Die bisherigen geistigen und religiösen Grundlagen schwinden, das ganze Denken und Streben wird ein anderes; große Massen des Stammes fühlen sich wie von einem Strudel ergriffen, in dem für sie Alles untergeht, selbst das bisher noch gesondert erhaltene Familienleben und ihr Zusammenhang mit dem alten Geschlechte. Viele verfallen in völlige religiöse Gleichgültigkeit und in den schlimmsten Materialismus; große Schaaren stürzen sich kopfüber, um sich zu retten, in die fanatische Mystik des Chasidismus; der Hauptstock aber Pflanzt, wo der Glaube kein einheitliches Band mehr bietet, die Fahne des Geschlechtes auf; und mit all der starken Energie, welche den Juden eigen ist, versucht er den durch den neuen Geist der Gefahr, sich in Atome zu zersplittern. Nahegekommenen ein neues Einigungsband zu bieten. Aeußerlich gelingt ihm auch das, die Majorität im jüdischen Stamme beginnt sich wieder enger in ihren Gliedern zusammenzuschließen; der jüdische Stammes- Patriotismus wird das Mittel, die Zertrennten zu vereinigen. Die maßlos leidenschaftlichen Angriffe vieler ihrer Gegner, welche jede Billigkeit vergessen, beschleunigen überdem diesen Prozeß. Um so schärfer wird auch das jüdische Auge für die