Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 33 (1877)
- Issue
- 9-10 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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148 ist. Hier ist zunächst Warschau besetzt worden. Die Zahl der Juden dieser Stadt beläuft sich auf 100,000, unter denen, es wohl auch reiche Kaufleute verschiedener Art und Gelehrte giebt, zumeist aber arme Leute. Religiös betrachtet zerfallen sie in die 3 Klassen der Talmudisten, Chasidim und Reformer. Die Orthodoxen erzählen einander höchst eifrig, daß der Messias demnächst erscheinen werde, die Türken aus Palästina vertrieben werden würden, und die Juden ihrer Rückkehr nahe wären; eben deshalb ermahnen sie ihre Mitbrüder zu erhöhter Frömmigkeit, um den Messias würdig empfangen zu können. Den Missionaren wird es hier nicht schwer, mit den Juden in Berührung zu kommen, da diese der Regel nach religiösen Gesprächen nicht abgeneigt sind. Wichtiger und bedeutsamer ist es, daß sich viele in allen Gesellschaftsklassen, besonders aber unter den Handelsleuten, vom Jndenthum nicht mehr beftiedigt fühlen und nach einem bessern Glauben verlangen. Nur klagt Miss. H. Hartmann, der Sohn des Breslauer Missionars, daß es so schwer sei, auch wirklich die Herzen der Juden zu erreichen. Gern, sagt er, die gleiche Erfahrung mit sehr vielen Anderen theileud, disputiren sie über die Prophezeiungen und sind sehr bestrebt, ihre Kunst im Streiten und Beweisen an den Tag zu legen, ihre Ohren sind indeß aber für die Botschaft des Evangeliums verschlossen. Das Werk der Mission ist ja schon in der früheren Zeit und nicht vergeblich an derselben Stätte getrieben worden, denn die Spuren desselben sind noch überall sichtlich wahrnehmbar. Nicht blos redet eine große Anzahl von Proselyten, direkte Früchte der ehemaligen Arbeit, hiervon, sondern auch das lebendige Gedächtniß, in dem das alte Werk noch heute unter den Warschauer Inden steht. So trat Miss. Rappopvrt eines Tages im jüdischen Quartier in eine Restauration, wo sich gerade einige Juden bei Tische befanden. Er selbst bestellte sich einige Erfrischungen, hörte aber zugleich einer Gruppe von Juden zu, die sich über die jüngste Ankunft der Missionare unterhielten und die Furcht äußerten, es könnte denselben diesmal besser als ftüher gelingen, „weil", so sagte der Eine, „die Regierung jetzt so strenge gegen unsere Lehrer ist und denen, die nicht das Examen im Russischen und der Mathematik gemacht haben, verbietet, als Lehrer zu wirken, während die Zahl dieser Letzteren eine so kleine ist; deshalb haben unsere