Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 33 (1877)
- Issue
- 9-10 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2554541-2554836-2554842--06839-2562837- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
144 \ der Seelen seines Volks und ward auch für gar manche der Führer zum Leben. Die Liebe Christi und der Brüder erfüllte ihn auf's Tiefste, und der Lohn seiner Arbeit folgt ihm nach. Der älteste der Londoner Missionare aber, I. C. Hartmann, feierte 1876 sein fünfzigjähriges Jubiläum in aller Frische des Leibes und des Geistes. Seit Johannis, des Apostels, Tagen haben nur Esdrad Ezard in Hamburg, f 1708, und Miss. Moritz, vor einigen Jahren heimgegangen, 50 Jahre auf diesem Missionsselde gearbeitet. Pred. Hartmann aber ist der erste Missionar, welchen die Londoner Gesellschaft so lange in ihrem Dienst gesehen hat. Die Geschichte der Posencr und Schlesischen Mission hängt ganz mit diesem Missionar zusammen, unser Blatt aber ist durch ihn in's Leben gerufen. Während der Zeit seiner Wirksamkeit hat er selbst jene völlige Wandelung, die unter den Juden Deutschlands innerhalb der letzten Jahrzehnte vorgcgangcn ist, durchlebt; er hat gewissermaßen in 2 Perioden des Judenthums gearbeitet. Als er in seiner ersten Zeit insbesondere die Provinz Posen durchzog, fand er dort überall in der dichtgedrängten jüdischen Bevölkerung den krassen talmudischen Aberglauben. Heute, berichtet Miss. Zuckertort aus Posen, nehmen hier Gleichgültigkeit und Unglaube in jedem Jahre unter den Juden zu, während die Lust des Fleisches, der Augen und das hoffärtige Wesen die drei Götter des jüngeren Geschlechtes sind. Das sind die Früchte der neuen Freiheit, welche die Juden in Deutschland genießen. Ihr Einfluß auf die Umgebung, schreibt Pros. Cassel, einer der Missionare der Berliner Station, ist ein stetig wachsender, aber, so fügt er hinzu, im gleichen Maße auch das Borurtheil gegen dieselben, der Name „Jude" unpopulärer denn je; die Antipathie aber hat jetzt nicht Glaubensgründe, sondern ist eine nationale. In der That ist dies die eigentliche Scheidewand, welche sich jetzt zwischen der großen ungläubigen, christlichen Masse in Deutschland und den Juden erhebt. Die Zeit ist vorüber, wo man noch hoffen konnte, durch bürgerliche Gleichstellung die Juden mit ihrer Umgebung zu vereinigen. Die Racenfeindschaft aber ist eine viel gefährlichere als die frühere Glaubensfeindschaft; denn der reinere christliche Glaube konnte für die Fremden herzliche Theilnahme finden, die socialen Konflikte und der Racengegensatz lassen es hierzu niemals kommen. Die