Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 33 (1877)
- Issue
- 9-10 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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141 Wir wenden uns mm aber nach Deutschland. Hier lassen wir uns zunächst aus Königsberg in Preußen berichten. Der dortige Missionar macht auf eine bemerkenswerthe Thatsache aufmerksam. Wie kommt es, sagt er, daß die Juden in den muhamedanischen Ländern niemals sich um den Koran kümmern, oder nach dein Wesen des Islam fragen, oder stehn bleiben, wenn sic auf offener Straße Derwische ihre enthusiastischen Predigten predigen hören; während sie am Neuen Testamente ein so großes Interesse zeigen und oft genug christlichen Gottesdiensten beiwohnen? Ein unterrichteter Jude löste selbst dem Missionar in einem Gespräche dieses Räthsel. Der Genannte äußerte sich: „Ich habe eine Zeitlang das Neue Test, gelesen, was mich veranlaßte, aufmerksamer über unsre nationale Geschichte nachzudenken, und oft habe ich gemeint, daß sie ein großes Trauerspiel darstelle, in dem gar viele Akte gespielt worden sind, aber alle dieselben scheinen sich zu einem Akte Hinzuneigen, der niemals zu einem Schlüsse kommen und uns selbst nicht zur Ruhe gelangen lassen wird. Ihnen die Wahrheit zu gestehn, bin ich durch den Spruch Matth. 21, 44: „Wer auf diesen Stein fallen wird, der wird zerschellen; aber auf wen er fällt, den wird er zermalmen!" auf's Aeußerste betroffen worden. Es scheint mir, als habe sich dieser Spruch vollständig an unsrer Nation erfüllt." Zwei Juden, denen der Missionar dieses Gespräch mittheilte, bemerkten: „Solche Gespräche sind nichts Neues unter uns. Wir gehn nun einer Reformation entgegen, da wir mit dem, was unsre Väter und Rabbinen uns überliefert haben, nicht länger zufrieden sein können. Bei diesem Stande der Dinge lesen wir das Neue Test, und vergleichen seinen Inhalt einerseits mit dem Rabbinismus und den Lehren des Reformjudenthums andrerseits, kommen dabei aber immer zu demselben Schluß, den Sie uns genannt haben. In der That, wir finden, unsre Nation hat immer räthselhaft gehandelt. Sie tödteten Jesum, und das war unzweifelhaft ein Verbrechen. Die Rabbiner wußten dies, und um die Schuld von ihren Schultern zu wälzen, erklärten sie ihn für einen Verbrecher. Das nahm denn das Volk als Wahrheit an; den Rabbinen aber genügte dies nicht, sondern sie hielten es für nöthig, Jesum und seine Jünger ungereimt in den Augen des Volks erscheinen zn machen, so daß dies nun jede Gelegenheit ergriffen hat, gegen