Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 33 (1877)
- Issue
- 5-6 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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verursachte ihr viel Unruhe. Leider lernte sie in dieser Zeit eine Christin kennen, die wohl den Namen des Herrn trug, aber ihm nicht in Wahrheit diente. Bei dieser Frau machte sie jedoch die Bekanntschaft eines alten, ehrwürdigen Mannes, der öfters mit ihr über die christliche Religion sprach. An einem Regentage hatte sie einmal Besorgungen in der Stadt auszurichten; ein heftiges Unwetter überraschte sie hierbei; sie befand sich aber in der Nähe der Wohnung jenes alten Mannes und ging, obwohl mit Widerstreben, zu ihm, um sich von.ihm einen Regenschirm zu erbitten. Der Alte, welcher gerade in der heiligen Schrift las, forderte sie auf, sich ein wenig, auszuruhen. Er nahm wieder Gespräche über den verheißenen Messias mit ihr auf und bat sie endlich, da sie ja lesen könne, ihm das 53. Kapitel des Jesaias vorzulesen. Während des Lesens fiel es wie Schuppen von ihren Augen, und sie kam heim mit dem festen Glauben, daß Christus der Messias sei, den sie so lange erwartete. Mit der Erkenntniß der Wahrheit kam zugleich in ihr Herz eine große Angst über ihre Sünde. Dies alles trieb sie zu den Christen, um mehr zu hören und zu lernen und Ruhe für ihre Seele zu finden. Christliche Freunde nahmen sie auf und führten sie zu Missionar Schwarz. Dieser, der sich wieder auf dem Wege der Besserung befand, unterwies sie in der christlichen Heilslehre, und nach vollendetem Unterricht wurde sie getauft. Mit diesem Schritt aber verlor sie auch ihre Mutter und ihre bisherigen Freunde und hatte von da an viel zu erdulden. Einmal fiel sie sogar auf der Straße in die Hände der Juden und wurde nur von einer vorübergehenden Polizeipatrouille vor gröberen Mißhandlungen bewahrt. Sie flüchtete sich jetzt daher zu den Diakonissen, siel aber in ihrem Hause in ein hitziges Fieber, das wohl die Folge der vielen Aufregungen und ihres anhaltenden Studiums war, denn sie hatte sich nach ihrer Bekehrung zum Gouvernanten-Examen vorbereitet, welches sie glücklich bestand. — Auch nach ihrer Genesung ist ihr kein leichter Lebensgang zu Theil geworden. Denn nach dem Verluste des Elternhauses und der Heimath ist sie viel in der Welt herumgeworfen worden und hat zudem einen harten Kampf mit einem leidenschaftlichen Naturell zu kämpfen. Ihre hohe geistige Befähigung und die reichen Kenntnisse, welche sie sich allmählig angeeignet, trieben sie aber an, ihr Pfund in dem Dienste des Heilandes, den ihre Seele liebgewonnen, zu verwerthen.