Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 32 (1876)
- Issue
- 11-12 (1876)
- Date
- 1876-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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165 hatte. Ihr Herz war verwundet, aber von einer Wunde, die Leib und Seele heil macht. In Konstantinvpel besuchte Leila die türkischen Gräber, denn sie suchte immer, was frommt, und verschmähte den Schaum flüchtiger Lust. Sie wurde dort durch die Gedanken an Tod und Ewigkeit mächtig ergriffen; von der wunderbaren Stimmung ihrer Seele aber giebt folgende Stelle ihres Tagebuchs aus Konstantiuopel Zeugniß: „HErr, bereite mich (zum Tode), ich bitte Dich! O erhebe das Licht Deines versöhnten Antlitzes über mich, um Deß willen, den Du uns zum Heiland verheißen hast, zum Erlöser von der Vergeltung, die unsere Sünden verdient haben! Ich zittere, tiefbewegt von Furcht und Ungewißheit. Ungewißheit? Ach, ich kenne mich selber nicht! Ich kenne meine Ueberzeugung nicht. Ich weiß nicht, was thun? Ich wage bisweilen kaum zu denken, um nicht —. HErr, lehre mich! mache mich glücklich! O gicb Dich mir, überzeuge mich, zeige mir die Wahrheit! Doch hast Du nicht meine Gebete um Leitung erhört? Gewiß, Du hast meinen Weg geebnet. HErr, Du kennest mich durch und durch, ich kann mein Herz nicht vor Dir verbergen. Ich fürchte keine Berufung, keinen Verlust von Freunden, keine Schwierigkeiten, so daß ich also Dich nicht beleidige, sondern nach Deinem geschriebenen Wort lebe und Alles glaube, was Du —. Ich mag nicht schreiben. HErr, laß mich Dich erkennen und wenn es nöthig ist, so will ich Alles verlassen, um Dir zu folgen und zu dienen. O ich liebe Deinen köstlichen Dienst!" Sehet, wie ihre Seele im Ringen war. Schon begann in der Kreuzhitze der trockne Aäronsstab ihres Herzens Knospen zu treiben. Mächtiger aber wurden die Zweifel Leilas am Judenthum beim Anblick des gelobten Landes. Wie liegt die Stadt so wüste, die voll Volks war. Sie ist eine Wittwe! Die eine Fürstin unter den Heiden und eine Königin unter den Ländern war, muß nun dienen! (Klagelieder Jerem. 1, 1.) Der Fluch, der über Kanaan gekommen ist, der jedem Auge sichtbar ist, das ihn sehen will, erfüllte Leilas Seele mit Schrecken. „Welches Verbrechen unserer Vorfahren (so fragte sic sich), welches bis heute ungebüßte Verbrechen hat diesen Fluch über uns und unser Land gebracht? Es muß eine schreckliche That sein, die sie vor unserer Zerstreuung verübten, eine That,.anf deren Billigung wir hartnäckig bestanden und deren