Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 32 (1876)
- Issue
- 9-10 (1876)
- Date
- 1876-01-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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155 fessionen, trotz eines mehr denn tausendjährigen Zusammenlebens, nicht nur einander nicht näher brachten, vielmehr die Kluft zwischen ihnen noch mehr erweiterten, als selbst zwischen den Moslimen und den Christen oder Buddhisten? Der Jude ist allerdings in den Augen der Moslimen ein doppelt Ungläubiger, denn er leugnet sowohl Muhamed wie Christum; doch dies scheint weniger in Betracht gezogen zu werden — der Haß und die Verachtung gegen die Söhne Israels ist ein traditioneller, eine festgehaltene traurige Ueberlieferung der Völker der alten Geschichte an die nachfolgenden Generationen. In seinen Anschauungen unterscheidet sich der Jude wenig von den übrigen Morgenländern. Auch er ist blinder Fatalist, auch er hängt zähe am Hergebrachten, auch seine Religio» ist ein buntes Gewebe von Aberglauben, von abgeschmackten Wundermärchen, auch er pflegt den Kultus der Heiligengräber, der Fußspuren berühmter Gottesmänner u. s. w.; dennoch hat ein Jahrtausend alter Druck bei ihm noch nicht alle edlen Gefühle abgestumpft. Er ist feig, aber nicht verrätherisch, er ist leidenschaftlich, rachsüchtig und erweckt durch sein Gebühren und seine Handlungen bei dem Fremden eher Mitleiden, als Verachtung. Wie überall in der Gesellschaft der Druck von Außen ein zärtlicheres Familienverhältniß, ein enges und krampfhaftes Umschlingen der selbst entfernt stehenden Mitglieder erzeugt, so ist dies auch bei den Juden Asiens, mehr noch als bei denen Europa's der Fall. Trotz der zahlreichen Gemeinden Konstantinopels wird man an den Ufern des Bosporus keinem einzigen jüdischen Bettler begegnen. Ob durch Zündhölzchen oder Dolmetscherdienst, ob als Hausirer oder Makler — denn der Jude im Osten vertritt ganz dieselben Handelszweige wie der westliche — wird der arme Judenbnrsche schon vom zehnten Jahre ab, ja sogar noch früher, sein Brot zu verdienen suchen. Jeder hofft ein „Camondo" (türkischer Rothschild) zu werden, und wenn er es nicht wird, so ist er selbst am allerwenigsten Schuld daran; seine Ausdauer, seine Mäßigkeit sind exemplarisch, und während man in den Straßen Pera's und StambulS zu gewissen Zeiten betrunkene Griechen und Armenier herumtaumeln sicht, so gehört doch der Anblick eines berauschten Juden zu den größten Seltenheiten. Solche Tugenden waren allerdings von Nöthen, um sich, speziell in der Türkei, einigermaßen erhalten zu können. Der Jude hatte dort nicht nur