Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 32 (1876)
- Issue
- 9-10 (1876)
- Date
- 1876-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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110 Daß die neue Entwickelung des Jndenthnms ihr Ziel in Christo hat, bezeugt auch die Erfahrung der mächtigen Wirkungen, welche das Evangelium von Christo seitdem auf so viele Seelen der Juden ausgeübt habt. Nie seit der Apostel Tagen haben sich so viele Juden zur christlichen Kirche gewandt, als eben in diesem nun etwa hundertjährigen Zeiträume. In der katholischen Zeit ist die Geschichte der Judcnbekehrungen ganz überwiegend eine Geschichte von schmerzlichen Gewaltakten. Der Regel nach hat damals nur der Zwang die Juden zur christlichen Kirche geführt, und ein Ncbertritt aus eigentlich religiösen Gründen war ein viel besprochenes und viel angestanntcs Ereigniß. Wie anders ist dies jetzt geworden! Von dem Augenblicke au, wo die Juden aus dein talmudischen Gefängniß an die freie Luft des allgemeinen Lebens ihrer Umgebung zu treten begannen, athmeten sie eine geistige Atmosphäre ein, die den talmudischen Geist immer gründlicher in ihnen tödtete, vielfach aber auch den Geist Christi in ihnen weckte. Denn allerdings, nicht blos der Rationalismus, Humanismus, Skepticismus, Materialismus und Atheismus, nicht blos die Kultur und der weltliche Fortschritt drangen nun auf sie ein, sondern auch der christliche Glaube. Tausende und aber Tausende fühlten nun zum ersten Male das Christenthum eine Frage für sich werden, die es ihnen, so lange sie abgeschlossen in ihrer eigenen Geisteswelt lebten, gar nicht werden konnte. Diese Frage ist dann freilich von der größten Zahl zunächst noch in einer Weise beantwortet worden, welche bald an die Pharisäer, bald an die Sadducäer, bald an Pilatus, bald an Gamaliel erinnert, aber es ist nun auch bereits eine ansehnliche Schaar, welche mit Thomas vor dem Auferstandenen in die Knie sank und anbetete: „Mein Herr und mein Gott!" und e-in ganzes Heer, dem es wie dem Pharisäer Saulus zu schwer geworden ist, wider den Stachel Christi zu löten, so daß es, zum Paulus geworden, die Kreuzesfahne in die Welt hinaustragen hilft. Das Entsetzliche, welches früher für die Juden der Uebertritt eines der Ihrigen zum Christcnthum hatte, hat sich in den Ländern jenseits der Weichsel längst verloren; denn nicht allein ist Christus den meisten unserer neueren Juden bereits ein anderer als der bloße Gehenkte und das Christenthum etwas Anderes als trauriger Götzendienst geworden, sondern die Uebertritte sind auch so häufig geworden, daß es in Deutschland z. B. kaum eine