Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 32 (1876)
- Issue
- 9-10 (1876)
- Date
- 1876-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554828-2554834--06627-2562619- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
134 wirkt und arbeitet es mit an ihrer Geistesarbeit, an ihrem Nationalwesen, an ihren Aufgaben, so entfremdet es sich seinem heiligen Zwecke und verliert seinen hohen Charakter als Gottesvolk. Die alte Orthodoxie brach also über Mendelssohn, der doch im Hause und der Synagoge durchaus das Hergebrachte erhalten sehn wollte, den Stab und sagte eine solche Umwälzung in Israel voraus, daß zwischen Juden und andern Leuten allmählig kein Unterschied bleiben würde, welcher ihnen noch das Recht zu einer Sonderexistenz verliehe. Die Geschichte bestätigt das Urtheil der Gegner Mendelssohns immer handgreiflicher. So stehn wir z. B. mit dem neuen Gesetze über die Verhältnisse der Juden vor einer neuen Folge der Mendelssohn'schen Bewegung und vor einem neuen Versuche, dieselbe einzudämmen. Je länger je mehr haben sich die deutschen Juden entschlossen, die Bahn Mendelssohns zu betreten, und wie ihr Reformator das Gewissen damit beruhigt, daß sie im häuslichen, Familien- und synagogalen Leben ja Alles beim Alten lassen wollten. Die entschiedeneren Geister aber haben nun auch Freiheit für diese Gebiete gefordert, nachdem ihnen dieselbe für das eine eingeräumt worden ist, und eben darüber sind die Reibungen entstanden. Der Kampf hat aber allmählig die Prinzipienfragcn und die Frage über das Fundament wachgerufen, und gegenwärtig gerade hat er sich schon recht ernst nach dieser Richtung hin zugespitzt. Man mag dabei immerhin zugeben, daß auch die Orthodoxen die Prinzipien- und Fundamentalfrage nur oberflächlich berühren; man mag mit Recht auf die Inkonsequenz Hinweisen, daß sie von den modernen Errungenschaften gar nichts zu opfern Willens sind; man mag sie mit gutem Grunde desselben Vergehns wie ihre Widersacher beschuldigen, so bleibt es doch eine merkwürdige und folgenschwere Thatsache, daß Juden jetzt selbst anerkennen, es gehe durch ihre Mitte der Riß verschiedener Konfessionen! In dem neueren Kampfe des Judenthums mit dem Christenthum haben die Wortführer des crsteren sich so oft damit gebrüstet, daß es keine Sekten kenne, während die christliche Kirche in solche zerrissen sei. Die Behauptung selbst war freilich eine eigeuthümliche; denn einer der berühmtesten jüdischen Geschichtsschreiber unserer Tage, Jost, hat eine Geschichte des Judenthums und seiner Sekten geschrieben. Die Karäer, die Anhänger des Zebi, die Frankistrn und die Chasidim sind ja denn auch ganz eigentlich Sektirer