Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 32 (1876)
- Issue
- 9-10 (1876)
- Date
- 1876-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2554541-2554828-2554834--06625-2562617- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
IST Eine Bewegung dieser Art muß aber die Theilnahme eines jeden religiöse Sachen irgendwie ernsthafter behandelnden Menschen erwecken; und in unsrer Zeit, in welcher die religiöse Frage bereits auf dein ganzen Völkergebiete ihre entscheidende Wichtigkeit zu Tage legt, verdient sie doppelte Aufmerksamkeit. Sie ist eben nichts Vereinzeltes, sondern gehört mit zu jenem weltumfassenden Prozeß, dessen Ansgang Niemand absehen kann, es sei den», daß er denselben von der Warte her anschaut, von welcher das ewige und Alles erhellende Licht ausgeht. In diesem Sinne möchten wir denn auch über diese einzelne Angelegenheit zu sprechen versuchen. Wunderbar genug, daß gerade jetzt der Anfang zu tiefer gehenden Spaltungen und Scheidungen im Judenthum geschieht, und daß Deutschland der Boden ist, auf welchem die Frage nach der Spaltung und Scheidung nicht blos aus besonderen oder individuellen Abneigungen, Liebhabereien, Eigenthümlichkeiten oder radikalistischer Rücksichtslosigkeit, wie etwa in Amerika, sondern aus ganz eigentlich und zu allererst principiellen und idellen Gründen auf die Tagesordnung gestellt wird. Deutschland ist das Vaterland des neueren oder Kulturjudenthums. Man hat hier zuerst mit hinreichender Klarheit erkannt, daß es innerhalb des talmudischen Judenthums der nachchristlichen Zeit allmählig immer tiefer niederwärts gegangen sei, und man neuer Lebenssäfte und Lebenskräfte bedürfe, falls man am Judenthnme festzuhalten Willens sei. Das war der Gedanke Mendelssohns, und von hier aus begann er seine Reform. Er behauptete hierbei höchst konservativ, daß die Grundlage des nachchristlichen Judenthums die allein rechte und richtige religiöse Grundlage überhaupt sei, und im Wesen desselben daher auch nichts zu ändern wäre. Nur sei auch viel wildes Gestrüpp auf dem guten Boden allmählig erwachsen, und von diesem gelte es daher denselben zu reinigen. Israel solle also bleiben, wie und was es bisher gewesen, solle seinen Gegensatz gegen das Christenthum nach wie vor aufrecht erhalten, solle die Einheit Gottes und die Unveränderlichkeit des Gesetzes fort und fort bekennen, solle dies alles aber in der freien Lust des allgemeinen Wcltlebens thun und deshalb sich nicht länger gegen dasselbe abschließen; denn gerade die Vereinigung des Judcnthums mit der allgemeinen Weltbildung werde dasselbe nur stärken und zu der ersehnten wie verdienten Stellung innerhalb der