Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 32 (1876)
- Issue
- 1-2 (1876)
- Date
- 1876-01-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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2« sich in einer ganz jüdischen Stadt, in einer ganz jüdischen Straße und unter den bittersten Feinden des Evangeliums. Welche Gefühle bemächtigten sich nun seiner und gingen durch seine Seele! Als ein Jüngling verließ er vor 14 Jahren seine Eltern, Geschwister und Familie, und als ein Mann kam er wieder mit den Seinigen zusammen. 14 Jahre lang trug er seine Eltern und Geschwister auf betendem Herzen und empfahl sie täglich der Obhut Gottes, und nun standen sie Alle gesund vor ihm. Nur der alte, fromme und ehrwürdige Vater fehlte noch bei dieser Zusammenkunft, denn sein Beruf und seine geschwächte Gesundheit hielten ihn zurück daheim, so daß er nach B. nicht kommen konnte. Und welche sonderbaren Gefühle durchkreuzten und bewegten die Herzen und Seelen der armen Mutter, der Geschwister und der Verwandten! Sie sahen zwar ihren Sohn und Bruder wieder, aber doch stand ein ganz anderer Mensch vor ihnen! Vor 14 Jahren war ihr Sohn ein 19jähriger Jüngling und jetzt ein gereifter Mann, ein Gatte und ein Vater! Vor 14 Jahren war er noch ein Talmudist und ein eifriger Schüler und Nachfolger der Rabbiner, und jetzt stand vor ihnen ein Jünger Jesu, ein Schüler des verachteten Nazareners und ein christlicher Lehrer! Vor 14 Jahren war dieser Sohn ein Chasid, und jetzt stand vor ihnen ein evangelischer Geistlicher! Die Freude des Wiedersehens war deshalb wohl groß, aber doch unvollkommen und etwas getrübt; und obwohl die Herzen sich gegenseitig aufzuschließen anfingen, so stand doch ein gewisses Etwas beständig zwischen ihnen. Ach, warum ist die Scheidewand zwischen Judenthum und Christenthum so groß und unübersteigbar geworden! Hier zu Lande bildet schon die Kleidung, der sich jeder Christ aus Israel nach seiner Taufe akkommodiren muß, eine Scheidewand, welche die Herzen der gläubigen Juden den ungläubigen Glaubensgenossen entfremdet. Nun war der Sohn mit seiner Mutter, seinen Schwestern, Schwägern und nächsten Verwandten allein. Alle athmeten freier auf; denn sie wurden nicht mehr von neugierigen, fremden Zuschauern begafft, wie aus dem Bahnhof. Aber jetzt fingen Alle an, Gewissensfragen an ihn zu richten und ihn zu cxaminiren. Die alte Mutter fragte, ob er nach 4. Mose 15, 38 die sogenannten Zizith (Läpplein oder Schaufäden, Kräspeda) noch trage? Die älteste Schwester fragte, ob er nach 5. Mose 6, 8 die Thephilin