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Dibre Emeth · 1876-01-01 · 1-2 (1876) · page 25

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
32 (1876)
Issue
1-2 (1876)
Date
1876-01-01
Page
– (sequence 25)
Language
German
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25 ich bin noch immer dein dich liebender Sohn, und du bist noch immer meine liebe Mutter, obwohl ich Den von Herzen lieb habe, den du verachtest und verfluchest!" Die alte Mutter wird etwas ruhiger von der ersten Aufregung; dann treten drei Männer und drei Frauen heran, fallen dem Angekommcnen um den Hals und bedecken ihn mit Küssen und Thränen; das sind seine Schwäger und Schwestern, die er ebenfalls seit 14 Jahren nicht gesehen hat. Zuletzt kommt noch eine kleine Schaar von Knaben, Mädchen und Jünglingen herzu, und ein Jedes von ihnen reicht dem Fremdling ehrerbietig die Hand mit den Worten: „Schalom alechem!", d. h. Friede sei mit euch!, und der Begrüßte erwidert darauf einem Jeden: „Garn alechem Schalom!“ (Friede auch mit Euch!). Die Kinder sind die Kinder seiner Schwestern, die auch auf den Bahnhof herausgekommen waren, um ihren Onkel zu sehen und zu begrüßen. Zeugen dieser Scene waren 50 bis 60 orthodoxe Juden und Chasidim, welche zum Theil gesenkten Hauptes und mit nassen Augen da standen. Die Einen machten ein trübseliges Gesicht und betrachteten mitleidig den „verlorenen Sohn", die Anderen schauten ihn an mit finstern und grimmigen Blicken, als wollten sie sagen: „Hätten wir Macht, wie vor Alters, — dann wehe dir, du elender Verräther Israels!", und die Dritten flüsterten Einer dem Andern in's Ohr: „Das ist ja der Sohn des Rabbi N. N.! Er ist ja in England ein Kammer geworden!" (Kammer heißt auf Hebräisch ein Götzenpriester, so nennen die Inden einen christlichen Geistlichen); die besser Gesinnten aber wagten dem „Meschummed", dem Abtrünnigen, freundlich die Hand zu reichen. Nach der Begrüßung auf dem Bahnhose fuhr der ev. Geistiche mit seiner chasidäischen Familie schweigend in die Stadt, welche 10 bis 15 Minuten vom Bahnhof entfernt liegt. Mit betendem Herzen, mit zagender Seele, fast mit Furcht und Zittern wegen jenes grenzenlosen Fanatismus der Juden in Litthauen, welcher stärker ist, als die verwandtschaftliche Liebe, aber im Vertrauen aus Gott und aus die Liebe seiner Mutter betrat er die Schwelle seiner Familie und Verwandten, in deren Hause das Zusammentreffen und die Besprechung mit seiner Mutter und mit seinen Geschwistern, die zu diesem Zweck von T. nach B. gekommen waren, stattfinden sollte. Ohne Zeugen außer Gott, ohne Schutz außer dem Gebet, ohne Waffen außer dem Schwert des Wortes Gottes befand er

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