Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 11-12 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Dunkel umhüllen soll; und von ihnen haben es alsdann auch die Anderen gelernt, sich nach hohen und ragenden, schönen und schattigen Bäumen umzublicken, daß sie durch dieselben ihre Bergung vor ihrem Gott und Herrn fänden. Die Weisen und Mächtigen der Erde, die Kriegsheldcn und die gepriesenen Männer der Wissenschaft, die Dichter und Künstler der Nationen, die Staaten, welche unter den Menschen entstanden, die Religionen und Kirchen, welche unter ihnen aufkamen, oder was sonst Hochragendes in der Welt erwachsen ist, das ward den sündlichen Herzen zu einem Mittel, damit sich gegen den heiligen Gott zu decken. Und sucht nicht auch immerdar der Einzelne in ähnlicher Weise dahin zu gelangen, daß er seine Sünden vergessen machen könne? Flieht nicht ein Mensch so gar gern unter den Schatten dessen, was in dem Garten seines eigenen Lebens Großes und Schönes nach seiner Meinung erwachsen ist? Flieht er nicht so gern unter den Schatten seiner Tugenden, seiner Herzensgüte, seiner edlen Thaten, seines Glaubens und seiner Frömmigkeit, um also seinen Trost vor dem richtenden Gotte zu finden? Aber freilich, diese Flucht gelingt uns niemals recht. Denn haben wir uns nun wirklich mit aller Mühe vor den Mahnungen im eigenen Gewissen gerettet und die Erregung, welche die strafende Nähe Gottes in nnserm Herzen hervorrief, ein wenig gedämpft, so ruft uns alsdann derselbe Gott mit lautem Munde durch sein gewaltiges Wort in's Herz hinein: Mensch, wo bist du? Ja wohl, diese Frage haben die Kinder Israel durch das Alte Testament, durch die Rede Mosis und der Propheten, durch die Bekenntnisse Davids und aller Frommen in ihren Tagen hören müssen; diese Frage hat das Evangelium des Neuen Testamentes bereits an die Gewissen von Jahrhunderten gerichtet; diese Frage richtet dasselbe Evangelium auch heute an unser Volk und die gesammte Christenheit. Diese Frage tragen Missionare und Boten Jesu in alle Länder der Heiden und unter die zerstreuten Kinder Israel hin — und sie dringt durch alles Geräusch und durch allen Lärin der Gegenwart hindurch, sic dringt aber auch in alle Verstecke hinein, die Menschen so eifrig und klug erkundet haben, um sich daselbst vor dem heiligen Auge Gottes zu verbergen. Wo bist du? mit dieser Frage ans den Lippen kommen zu den Sündern auch jene Gesandten Gottes, welche sein königliches Wort begleiten müssen, nämlich: Krankheit und Angst, Hader und Streit,