Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 9-10 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554821-2554826--06437-2562423- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
146 eine wahrhaft rapide — ja oft geschieht ein fast plötzlicher Uebergang von einem Extrem in das andere, von der strengsten Orthodoxie zu der schrankenlosesten Gottlosigkeit. Vielfach ist eine Trennung von der Haupt-Synagoge des Ortes, die allein dem öffentlichen Gottesdienst gewidmet ist, eingeführt worden. Vor Allem hat man zuerst überall in den größeren Städten außer der sogenannten Haupt-Synagoge eine zweite eingerichtet, die den Namen Beth Hamidrasch führt, weil sie, wie der Name bezeichnet, vorzüglich dem Studium des Talmud dientdie zugleich aber auch als öffentliches Gottesdiensthaus gebraucht wird. Dies führte mit der Zeit zu anderen Sonderungen von mehr privater Statur. Viele kleinere Synagogen, Klausen (wahrscheinlich vom lateinischen c1au8ura genannt) sind errichtet worden, wo sich diejenigen versammelten, die unter einander gleichgesinnt waren. In diesen freien Synagogen herrschte gewöhnlich ein ganz anderer Geist und Verkehr als in allen anderen. Der Talmud und die rabbinische Literatur sind daselbst wohl auch gepflegt worden, neben ihnen jedoch auch die mehr philosophischen Werke und die neuesten Auslegungen des A. T., wodurch zuerst eine gewisse Zwiespältigkeit des Denkens oder, besser gesagt, zwei neben einander hcrlaufende Gedankeureihen, nämlich die der finsteren und düsteren rabbinischen Bigotterie, und die einer herzlicheren und freieren Frömmigkeit hervortraten; allmählig aber gewann die letztere das Uebergewicht über' die erstere. Die Mission ist unter diesen Umständen nicht vergeblich in jene Kreise eingetreten; konnte sie zumeist auch nur durch Schriften auf dieselben einwirken, so hinterließen doch auch diese bereits ihren Eindruck. Insbesondere hat hier das Werk von M.' Caul „Der wahre Israelit" die hervorragendsten Dienste geleistet. Ein alter orthodoxer Jude äußerte einmal über dasselbe: „Es hat den Juden ihren Frieden und ihre Einigkeit geraubt". Während der letzten Zeit hat nun aber die Londoner Mission Rußland gewissermaßen nur gestreift; von den deutschen Grenzstationen her und durch etliche wenige Reisen ihrer Arbeiter hat sie den dortigen Juden nahe zu kommen gesucht, die Hauptarbeit soll jedoch erst noch folgen. Dagegen ist ihr Werk in dem zweiten großen Slavengebiete, dem österreichisch-ungarischen Reiche bereits nachhaltiger betrieben worden. Einen schweren Boden bietet die Landeshauptstadt Wien trotz der großen Zahl ihrer Juden dar. Die dortigen sozialen Verhält-