Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 9-10 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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145 über die wichtigsten religiösen Fragen. Gewöhnlich nahmen dann die Besucher N. T. und Traktate mit sich." Diese letzten Mittheilungen zeigen schon, welchen Einfluß die russische Grenze auf die zunächst wohnenden Juden Preußens übt, und sie weisen uns überdem auf ein Element hin, das sich in den Ostdistrikten Deutschlands unter den Juden vielfach geltend macht, nämlich auf die durchwandernden Religionsgenossen aus dem großen Czarenreiche. Die Danziger Station und noch mehr die Königsberger kommt mit den letzteren in vielfache Berührung. Die Missionare aber bemerken immer mehr und mehr, daß, wenn einerseits das größere religiöse Interesse der russischen Juden nicht ohne Einfluß auf die angrenzenden preußischen Stammesgenossen bleibt, der unverhältnißmäßig größere Einfluß nun doch von den deutschen auf die anderen ausgeübt wird. Der Königsberger Missionar schreibt: „Die vermeintlich undurchdringliche Mauer, welche die jüdische Tradition bis jetzt gegen die geoffenbarte Wahrheit sowohl als gegen die Vernunft, gegen jede Forschung und Kritik errichtet hat, wird gegenwärtig von Grund aus zerstört. Die alte Gewohnheit mag allerdings eine Zeitlang noch unter einem Theile der russischpolnischen Juden einen gewissen Schein der Orthodoxie erhalten, der ihnen zum Besten der ganzen Bevölkerung als Gewissensmahner dienen mag, indem er alle an die Nothwendigkeit einer positiven Religion und einer seligmachenden Wahrheit erinnert, aber dieser theilweise Schein wird keine lange Dauer haben. Ihre Orthodoxie stammt unter einer großen Zahl von Juden des Czarenreiches nicht mehr aus einem inneren Triebe, sondern ist ein bloßes Außenwesen. Das haben ernste und achtungswerthe Juden dieses Landes anerkannt, die dem Missionar erklärt haben, daß Viele ihre Orthodoxie nur aus Feigheit noch zur Schau tragen, da sie nicht den Muth besitzen, ihren inneren Abfall offen an den Tag zu legen, während viele Andere nur aus Achtung und Mitleid für ihre alten Eltern hiergegen Bedenken tragen. Alle aber sprachen zu gleicher Zeit ihre Furcht aus, daß diese verkappten Abtrünnigen sich gefährlicher für die Jugend beweisen würden als jene Separatisten (so scheint man in Rußland die Resormjuden zu nennen), die ihre neue Lehre offen bekennen, und von denen man die Jugend fern halten kann. Die Reform verbreitet sich nun aber bereits überall in Rußland, und allem Anscheine nach ist die Entwickelung der Neulehre daselbst 10