Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 9-10 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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141 müssen wir arbeiten, um anständig durch's Leben zu kommen, aber ich habe einen Bruder, der in etwas Ihre Richtung theilt, der bringt seine Zeit mit Lesen und Beten zu. Während ich ihn also erhalte und sein Geschäft thue, liest und betet er für mich, um auch für mich einen Antheil au der zukünftigen Welt zu gewinnen." „Nun denn," sagte der Kolporteur, „wäre es nicht auch vortheilhafter für Sie, wenn Sie Ihrem Bruder das Essen und Trinken für Ihre Person überließen? Sie würden ja so die Zeit, welche Sie sonst für die Mahlzeiten verwenden, für Ihr Geschäft gewinnen." „Ja," sagte der Jude, „ich kann aber doch nicht leben, ohne zu essen." „So können Sie aber auch nicht ohne Gebet und das Wort Gottes leben, welches das Brot des Lebens ist, und eben dieses Buch, welches ich Ihnen hier anbiete, ist jenes Brot." Die alte Mutter, welche dem Gespräch aufmerksam zuhörte, fand an demselben so viel Gefallen, daß sie sich sogleich ein N. Testament kaufte, und da sich jenes Wort des Kolporteurs, daß Geschäftsleute Andere für sich essen lassen sollten, weit herumsprach, so kamen viele andere Juden und kauften N. Testamente und Traktate. Hernach erzählten Juden selbst dem Missionar aus Frankfurt diese Geschichte und er war erfreut, sie in den anerkennendsten Worten von dem Kolporteur und seinen trefflichen Büchern sprechen zu hören. An Missionsbemühungen der Londoner Gesellschaft fehlt es in Deutschland überhaupt nicht, Berlin insbesondere ist ein Mittelpunkt für dieselben. Unter den dortigen Missionaren ist Professor P. Cassel weit bekannt. Die Thätigkeit desselben ist eine höchst umfangreiche. Gottesdienste, Sonntagsschulen, Veröffentlichung von Schriften und Vorlesungen erweisen sich als vorzüglich geeignete Mittel, um Juden wie Christen in verschiedener Weise für die Mission zu interessiren. Besonders hat Prof. Cassel durch eine größere Reihe von Vorlesungen in verschiedenen Städten Deutschlands die Gemüther für dieses Werk anzuregen gewußt. Auf besonderes Verlangen hat er eine Reihe solcher Vorlesungen auch in der Hauptstadt Oesterreichs gehalten. Der Raum, in welchem der Genannte seine Vorlesungen in Wien hielt, war dicht gedrängt voll und unter den Anwesenden sehr viele Juden, die ihm schriftlich und mündlich für die empfangene Anregung dankten. Die evangelische Fakultät der Wiener Universität aber verlieh ihm als Anerkennung den Grad eines Doktors der Theologie.