Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 7-8 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/2554541-2554821-2554825--06406-2562391- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
118 dem zerbrochenen Ziegelpflaster begann, der Lehrer mit einem Stück Kreide in der Hand, wie eine Schlange auf dem Boden kriechend, dazwischen umher. Ich hatte nun genug. „Was machen Sie nun selbst?" fragte ich den Oberlehrer. „Ich unterrichte im Talmud", erwiderte er. In der entgegengesetzten Ecke des Zimmers bemerkte ich ein Häuflein Kinder, die bis zur Brust entblößt dastanden. Ich wollte meinen Augen nicht trauen, als ich mir diese armen Sünder näher ansah. Zwölf Knaben bewegten sich langsam in einem kleinen Rundkrcise, die Hemdchen aufgehoben und hinten am Kragen befestigt; ein Täfelchen hing jedem auf der Brust, auf welchem geschrieben stand entweder Chaser (Schwein) oder Masik (Schadenstister) oder Pere-odam (wilder Mensch) u. s. w. „Was haben denn die kleinen Misscthäter gethan?" Na — sagte die Frau Lehrerin, von deren Willkür das Loos der armen Sträflinge abhing — na, was is do noch zu fragen? Sind es doch gor keine Menschen nicht, tacke Chaserim, Masikims, Pere-odams. — „Was hat nun z. B. der Chaser gethan?" fragte ich. „Oi! was der gethon Hot? Hei, hei! a Busche (Schande), zu sogen, was der Chaser gethon hot!" — „Was hat nun dieser kleine Masik gethan?" „Dieser Masik a kleiner? Oi! Gott soll mich behüten! take ein groißer, groißer Masik ist er, ein Haman, ein Titus, ein Korach, ein wahrer Asmodai. Dieser Asmodai mit dem anderen Pere-odam, sie haben mir a Milchkrügle zerbrochen, a ncies Teple, erst gestern gekauft für 2 Kopekes für mein Awremele (Großsöhnchen), soll mir leben!" „Ist nicht emes (wahr) — jammerte der Masik — Schifre (die Mutter des Awremele) hat selbst dem Tepele zerbrochen, ich hob's doch gesehen!" „Du wirst noch dabern (plaudern)?" schrie Rebbe Schepssele, indem er seinen Strafriemcn in die Hand nahm und das Kind einige Male auf den entblößten Leib schlug, „Schifre, gib her ein Kodder (Läppchen)!" Schifre nahm ein schmutziges Läppchen aus der Wiege ihres Säuglings und reichte es triumphirend dem Papa. „Was wollen Sie denn thun?" fragte ich. „Das werden Sie bald sehen!" war die Antwort, während er dem Kinde im wahren Sinne des Wortes den Mund aufriß und ihm das Schmutzläppchen mit der Bemerkung hineinstopfte: „Wehe dir, wenn du es losläßt!" Als aber die Brüder des Geplagten zu murren anfingen, da rief der alte Tyrann: „Schifre, noch