Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1875-01-01 · 7-8 (1875) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
31 (1875)
Issue
7-8 (1875)
Date
1875-01-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2554541-2554821-2554825--06400-2562385
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

110 Die frühe Berheirathung schafft sehr viele unglückliche Ehen (der Jüngling heirathet etwa mit dem 16., das Mädchen mit dem 14. Jahre). Die Eltern vcrheirathcn die Kinder oft, ohne dieselben zu befragen; übermäßige Ehescheidungen sind die Folge. Die religiöse Bildung der Frau wird völlig vernachlässigt, ihre Stellung ist im Allgemeinen noch die orientalische, obwohl der Familienzusammenhang ein sehr fester ist. Die spintisirende Beschäftigung mit dem Talmud hat eine kalte Berstandesausbildung zur Folge gehabt, die sich ebenso auffällig im geschäftlichen Verkehr zeigt und dort gewissermaßen nur die praktische Wiederspicgelung der geistig religiösen Eigcnthümlichkeit ist. Und wie das Rechnen vielfach die Seele der Religion und des ganzen Lebens geworden ist, so hat sich das gesellschaftliche Thun und Treiben auch völlig einseitig zu einem bloßen Rechnen, zur Spekulation ausgebildet. Endlich hat der enge Zusammenschluß der russischen Juden untereinander sie nicht gehindert, ihrer übrigen Umgebung gegenüber eine desto falschere Stellung einzunchmen. Jin Wesentlichen betrachten sie das Volk des Landes lediglich als das Objekt ihrer Spekulation; die Welt ist eigentlich nur dazu vorhanden, ihnen mit ihrer Arbeit und ihren Mitteln zu dienen. Alle Uneinigkeit in ihrer eigenen Mitte hält sie doch nicht ab, dem Volke des Landes zu diesem Zwecke als festgeschlossene Einheit gegenüberzntrcten. Sonst fehlt es unter ihnen selbst keineswegs an Parteien. Im Gegentheil bereitet sich unter ihnen eine Neugestaltung ihres ganzen bisherigen Zustandes vor, der nun auch die erbittertsten Parteikämpfe zur Folge hat. Die mit Gewalt andringcnde moderne Kultur besonders rüttelt so mächtig an den Pforten des talmudischen Judenthums in Rußland, daß sich dasselbe in einen Kampf gerufen sieht, dem es allem Anscheine nach ans die Dauer in keiner Weise gewachsen ist. Zwar heute machen immer noch die Anhänger des alten talmudischen und orthodoxen Wesens, die Mißnagdim, die überwiegende Mehrheit der russische» Juden ans. Der Talmud genießt bei diesen noch das höchste Ansehen, aber derselbe vermagje länger je weniger die ganze Masse auch hinreichend zu befriedigen. Indem eine neue Luft in die jüdischen Kreise dringt, indein zumal die allgemeine Wehrpflicht und die Neuordnung des Schulwesens die Juden Rußlands aus der bisherigen Jsolirung heraus-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.