Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 5-6 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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82 Körperlich schwach, aber innerlich mächtig gehoben, nahm ich meinen Weg zurück und trat, ruhig und ergeben, wieder in das väterliche Hans. Christus hatte zu dem stürmischen Meere gesagt: Schweige! und alsbald war es ganz stille geworden. Es leuchtet ein, daß dieser Stand der Dinge so nicht fortdauern konnte, und daß das brennende Verlangen, meinen Heiland zu bekennen, dadurch nur noch entschiedener in mir werden mußte. Schon wurde die öffentliche Aufmerksamkeit rege. Wir hatten so manche Gewohnheiten geändert, wir besuchten nicht mehr die nämlichen Vereine, und man traf uns nur selten bei den Vergnügungen unserer Freunde. Als man aber die Ursache dieser Umwandlung endlich entdeckt hatte, da wirkte die Kunde davon wie ein schwerer und schmerzlicher Trauersall auf unsere Stammgenossen. Sie legten einen Werth auf uns, denn wir genossen eines vortheilhaften Rufes; besonders aber schmeichelte es ihrem Nationalstolze, einen Manu, wie meinen Freund, zu den Ihrigen zählen zu können, dessen reichbegabtem und, ungeachtet seines jugendlichen Alters, mit umfassenden wissenschaftlichen Kenntnissen geschmücktem Geiste, vor Allem aber, dessen hohem Dichtertalentc, das sich in seinen bereits veröffentlichten Erzeugnissen vollständig erprobt hatte, allgemeine Achtung und Anerkennung gezollt wurde. Eine anziehende Unterredung kann ich nicht mit Stillschweigen übergehen, die wir in jener Zeit mit einem achtuugswerthen Rabbiner hatten, einem Manne, der im Fasten und Beten stark war, abgemagert durch Kasteiungen, und wegen seiner Frömmigkeit von der ganzen jüdischen Nation geachtet. Er wünschte eine Zusammenkunft mit uns zu haben und legte uns mit Ruhe einige Einwendungen dar, die er zu Papier gebracht hatte. Es wurde uns nicht schwer, ihn zu widerlegen. Als er sah, daß seine Beweisgründe uns nicht überzeugten, versuchte er, unsere Herzen zu rühren. — „Meine Freunde," sagte er zil uns, sich feierlich erhebend, „in wenigen Tagen werden unsere Glaubensgenossen in allen Theilen der Welt Sack*) und Asche nehmen, um den großen Versöhnungstag zu feiern. Da ist jeder Israelit, der sich de- *) Der Ausdruck „Sack und Asche" wird hier als bildliche Bezeichnung der Bußgefühle gebraucht, welche jener Versöhnnngstag in den Herzen der Israeliten erwecken sollte. Anmerk. d. H.