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Dibre Emeth · 1875-01-01 · 5-6 (1875) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
31 (1875)
Issue
5-6 (1875)
Date
1875-01-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
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78 konnte ich nur im Stillen seufzen und klagen. In jener Zeit des Ringens und der inner» Kämpfe stiegen meine Seufzer unaufhörlich zu Ihm hinauf, der mich gerufen hatte; ich flehte zu Gott, mir zu Hülfe zu kommen und mir den Weg zu bahnen. Erfahret, wie der Gott der Barmherzigkeit auf mein Geschrei merkte und die Stimme meines Flehens erhörte. Mein Oheim hatte die Gewohnheit, sich nach Tische die öffentlichen Blätter geben zu lassen und sie laut zu lesen. Als ich eines Tages wie gewöhnlich ihm gegenüber saß, in einem Zustande unsäglicher Niedergeschlagenheit, hörte ich ihn eine Nachricht aus Hamburg folgenden Inhalts lesen: „Wir sind soeben Zeugen eines recht anziehenden Vorganges gewesen. Ein Rabbiner hat seinen Glaubensgenossen in der Synagoge angekündigt, daß eine aufmerksame Untersuchung der prophetischen Aussprüche ihm die innige Ueberzeugung gegeben hätte, daß der wahre Messias gekommen sei; und nachdem er sein christliches Glaubensbekenntniß abgelegt hat, ist er dieser Tage in unserer Stadt getauft und als Prediger der evangelischen Kirche ausgenommen worden." Hieran schloß mein Oheim die in meiner Lage so merkwürdige Aeußerung: „Du weißt, wie ich über dergleichen denke. Hat der Mann diesen Schritt aus irgend einem selbstsüchtigen Beweggrund gethan, so ist er verächtlich; ist er aber von ihm aus Ueberzeugung geschehen, so bleibt er achtungswerth." Ihr mitfühlenden christlichen Seelen, nein, ich will nicht versuchen, euch zu beschreiben, was in mir Alles in diesem feierlichen Augenblicke vorging! Ich fühlte den Fußboden unter meinen Füßen zittern, und im Uebermaaß meiner Freude sprang ich dem ehrwürdigen Greise an den Hals, indem ich ausrief: „Ja, Onkel, Gott ist es, der Ihnen diese Gesinnung eingicbt; erfahren Sie denn, daß der, den Sie mit der Zärtlichkeit eines Vaters lieben und der sich Ihren Sohn nennen darf, in dem nämlichen Falle ist, wie dieser Rabbiner!" Ich hatte diese Worte mit einem Ton der Stimme und mit einer solchen Aufregung gesprochen, daß mein armer Onkel, bestürzt und erschrocken, glaubte, ich hätte den Kopf verloren. Er ließ mich auf seinem Kanapee niedersitzen, und nachdem er einige Augenblicke hinausgegangen war, um mich zu mir selbst kommen zu lassen, kam er wieder herein und sprach von etwas Anderem. Aber meine Seele war zu sehr ergriffen und zu sehr bewegt, um auf das, was er mir sagte, zu achten. Ich unterredete

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