Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 5-6 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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77 eines Tages mit ihr auf einem Spaziergange war, lenkte ich unsere Unterhaltung auf die Religion hin; aber es ging Anfangs nur zitternd und mit Stammeln. „Du siehst, Mutter/' sagte ich zu ihr, „daß ich mich mit dem Lesen der Bibel beschäftige; denkst Du wohl, daß die Weissagungen erfüllt sein möchten, und daß die Christen, uns gegenüber, am Ende Recht haben?" — „Wer seine Pflicht redlich thut, ist Gott angenehm," war ihre Antwort, „und du, mein Sohn," fuhr sie fort, „nimm dich in Acht, dich nicht von deinem Enthusiasmus und deiner feurigen Einbildungskraft Hinreißen zu lassen." — Damit brachte sie das Gespräch auf etwas Anderes und vermied sorgfältig Alles, was darauf zurückführen konnte. Ich glaubte, sie hätte das, was ich ihr so gern mittheilen wollte, nicht recht gefaßt; allein meine Mutter, eine Frau von ruhigem, besonnenem Charakter, behielt sorgfältig meine Worte, und als einige Wochen verstrichen und wir in die Stadt zurückgekehrt waren, nahm die arme Mutter (Herr! vergieb ihr, denn sie wußte nicht, was sie that) meinen Bruder bei Seite, entdeckte ihm, wovon unter uns die Rede gewesen war, und ermahnte ihn ernstlich, auf seiner Hut gegen alle Verführung zu sein. Nach unserer Rückkehr in die Stadt empfand ich alle Tage mehr die Nvthwendigkeit, mit einer offenen Erklärung meiner Gesinnungen hervorzutreten; aber wie sollte ich mich entschließen, meinem Oheim, ihm, der mich mit Wohlthaten überhäuft hatte, der mich wie einen Sohn hielt, der in mir die Stütze seines Alters sah, ein Geständniß zu machen, das in Betracht seines Alters und cholerischen Temperaments, das ich an ihm kannte, unfehlbar einen Eindruck bei ihm erregen und eine Erschütterung verursachen mußte, deren Folgen nicht zu berechnen waren? Ich kann, zum Ruhme meines Gottes, betheuern, daß bei dem Bedenken, das mich zurückhielt, niemals im Geringsten die Gewißheit von mir in Anschlag gebracht wurde, durch ein solches Geständniß die beträchtliche Erbschaft, die meiner wartete, zu verlieren, eine Gewißheit, welche nachher durch den Erfolg bestätigt wurde. Meine einzige Besorgniß war, die Gesundheit dessen, der mir so theuer war, zu gefährden; und der Gedanke, diesem würdigen Greise einen allzuharten Schlag zu versetzen, benahm mir alle nöthige Kraft und Kühnheit, mich offen gegen ihn auszusprechen. Mit mehr Glauben hätte ich freilich alle diese Hindernisse besiegt; aber in meinem damaligen Zustande