Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 5-6 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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75 Leitung, uns enthalten, irgend Jemandem mitzutheilen, was in unseren Seelen vorging, und uns darauf beschränkt, das Wort Gottes im Zusammenhänge miteinander zu lesen, wobei wir einzig das vorhin gedachte Werk von Hehdeck zum Nachschlagen benutzten. Dieser Gelehrte war Rabbiner in Deutschland gewesen; nachdem er zum Katholizismus übergetreten war, wurde er als Professor der orientalischen Sprachen nach Madrid berufen, wo er, wie ich glaube, noch ist. Das Werk ist in Form von Briefen abgefaßt und mit Lebendigkeit geschrieben; der Inhalt zeugt von vieler Schriftkenntniß und giebt eine Vertheidigung der christlichen Glaubenslehre gegen den Rationalismus (Vernunftreligion). Das Lesen desselben war uns doppelt nützlich; es gab uns Anlaß, die Schärfe seiner Beweisgründe zu erkennen, wenn es galt, die Grundsätze und Vernünftelcien eines Voltaire und Rousseau zu widerlegen; und zugleich konnten wir wahrnehmen, wie schwach und nichtig dagegen seine Schlüsse wurden, sobald er darauf zielte, den Katholizismus gegen die Grnndlehre der Reformation zu vertheidigen. — Wenn ich in der Morgenzeit einige Muße hatte, entfernte ich mich immer, um das Wort Gottes zu lesen, denn das durfte ich nicht in Gegenwart meines Oheims. Eines Tages war ich besonders mit der Stelle im 7. Kapitel des Propheten Jesaias beschäftigt, wo es heißt: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel". Ich gehe aus der Bibliothek hinunter und finde einen mit meinem Onkel befreundeten israelitischen Arzt, der ihn im Vorzimmer erwartete; er dnrchblätterte gerade eine neue Ausgabe der Bibel. — „Da ist denn doch", redete er mich an, „eine fatale Stelle, die wir schwerlich den Christen entwinden können." Es war dieselbe Stelle aus Jesaias, die ich eben im Stillen überdacht hatte, und mit tiefer Bewegung erkannte ich hier wieder den Fingerzeig meines Gottes. — „Ei nun," antwortete ich ihm, „warum wollten wir die Wahrheit nicht anerkennen?" — Wie wir so sprachen, trat mein Onkel herein; es war Mittagszeit. „Um was für eine Streitfrage handelt es sich zwischen euch?" frug er uns. — Der Arzt legte ihm die Sache vor, und da er wußte, wie sehr mein Onkel in den Schriften der Rabbinen bewandert war, frug er ihn, was unsere Rabbinen über diese Stelle sagten. — „Ach! eine Masse von Albernheiten", antwortete inein Oheim aufstehend, und wir