Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 5-6 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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74 mit Tryphon dem Juden. Ich las sie mit Begierde und fand darin eine gedrängte Darstellung der messianischen Weissagungen, welche für mich sehr belehrend war. — Dies war wieder recht sichtbar eine Fügung der Vorsehung, und meine Seele wurde davon innig ergriffen. — Einmal las ich in der Nacht den Propheten Jesaias. Als ich darin an das 53. Kapitel gekommen war, machte dieses einen sehr lebendigen Eindruck auf mich. Ich sah mit einer solchen Klarheit und Zug für Zug, was ich in dem Leiden Christi gelesen hatte, daß ich wirklich glaubte, man hätte eine andere Bibel an die Stelle der meinigen gelegt. Ich konnte mich kaum überzeugen, daß dieses 53. Kapitel, welches man mit Fug und Recht ein kurzgefaßtes Evangelium nennen kann, sich im Alten Testamente fände. Unmöglich kann ein Israelit, nachdem er solches , gelesen, noch zweifeln, daß Christus der verheißene Messias war. — Woher entstand ein so starker Eindruck? Ich hatte doch oft dieses nämliche Kapitel gelesen; diesmal aber las ich es in dem Lichte des Geistes Gottes. Von diesem Augenblicke an erkannte ich völlig in Christo den wahren Messias, und unsere Betrachtungen über das Wort Gottes nahmen einen ganz andern Charakter an. Es war gleichsam der Anbruch, die Morgenröthe eines herrlichen Tages für unsere Seelen; das Licht verbreitete seine belebenden Strahlen immer weiter hin, erleuchtete unfern Geist, erwärmte unsere Herzen und gab mir schon damals einen unaussprechlichen Trost. Ich fing an, das „Warum" so vieler Räthsel des Lebens zu durchblicken, welche meinen Geist in Anspruch genommen, aber eher abspannend und verstimmend, als beruhigend und belehrend auf ihn gewirkt hatten. Alles schien wieder Leben um mich her zu gewinnen; der Zweck meines Daseins und was mich daran fesselte, war etwas ganz Anderes geworden. Es waren glückliche Tage, gesegnet durch die empfundene Gegenwart des Herrn und Meisters; sie werden mir unvergeßlich bleiben; lese ich den Gang der beiden Jünger nach Emmaus, so pflegen mir jene Tage, die ich mit meinem Freunde verlebte, jene gemeinschaftlichen Wanderungen wieder lebhafter vor die Seele zu treten. Wie Jene können wir sagen: „Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift auslegte?" Wie bereits von mir bemerkt ist, hatten wir, unter Gottes