Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 5-6 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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71 Ausübung kam. Ich genoß Vertrauen und durch Gottes Hülfe konnte ich — nach dem gangbaren Ausdrucke — mich glücklicher Kuren rühmen; allein der Umstand, daß ich selbst kein Vertrauen zur Arzneikunst hatte, brachte mich in eine peinliche, gezwungene Stellung. Mein Oheim, jener ehrwürdige Greis, in dessen Hause ich lebte, sah es, wenn er von den Anstrengungen des Tages ermüdet heimkehrte, nicht gern, daß ich die Abendstunden mit Studircn zubrachte; bei dem Drange, mich mit etwas zu beschäftigen, was meiner Neigung mehr zusagte, blieb mir nur die Nacht dazu frei, und so habe ich mich an das nächtliche Arbeiten gewöhnt, eine Gewohnheit, die mir seitdem sehr nützlich wurde. Indessen blieb bei allen jenen durchgearbeiteten Nächten in meiner Seele immerfort die schreckliche Leerheit, welche mir das Leben ganz verbitterte. Nicht, als ob ich Unruhe über meine Sünden empfunden hätte; sonst würde ich ja geschaudert haben, meinen Tod herbeizuwünschen; ich lag aber unter dem Gewichte und dem Fluche der Sünden, ohne das Mittel dagegen zu ahnen, oder es zu suchen. Als ich eines Tages meinen vertrauten Freund, der seit Kurzem verheirathet war, besuchte, traf ich ihn, als er eben einen Brief von dem berühmten Professor empfangen hatte, mit dem er eine literarische Korrespondenz unterhielt. — „Soll ich Dir", sagte er zu mir, „seinen Brief vorlesen und die wunderschönen Verse, die er an mich richtet?" — „Thue es!" antwortete ich. — Es waren in der That erhabene Verse, worin er mit einer geweihten Kraft die herrlichen Hoffnungen Israels schilderte; sie schlossen mit dem Zurufe: „Sei Christ, o theurer Freund, so end' ich froh den Lauf!" Bei diesen halblaut gesprochenen Worten regte sich in mir ein lebhafter Unwille; es schien mir, daß «nein Freund nicht ernstlich genug Anstoß daran nähme. „Nimm Dich in Acht," sagte ich zu ihm, „man hat einen Plan geschmiedet, uns zu verführen." — Damit ging ich, kurz abbrechend, fort; den ganzen Tag über blieb ich jedoch in Nachdenken versenkt und verlor mich ganz in Betrachtungen. Ich konnte nicht begreifen, wie ein Mann von so gründlicher Wissenschaft an Christum glauben könne, und wie er, der Jahre lang in so naher Beziehung zu uns gestanden hatte, ohne mit uns je vom Christcnthume zu reden, ja, der so viel Ehrfurcht vor dem Alten Testamente zu haben schien, sich es auf einmal bei-