Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1875-01-01 · 5-6 (1875) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
31 (1875)
Issue
5-6 (1875)
Date
1875-01-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2554541-2554821-2554824--06356-2562340
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

67 Dabei war indessen das religiöse Element, wenn man so sagen darf, noch nicht in meine Seele eingedrungen. Zwar schon in meiner frühen Kindheit, in einem Alter von etwa neun Jahren, hatte ich ein gewisses Bedürfniß zu beten gefühlt; bat auch meine israelitischen Verwandten um ein Gebetbuch in französischer oder holländischer Sprache, damit ich besser verstände, was ich läse. (Bekanntlich haben die Israeliten den Gebrauch beibehalten, in hebräischer Sprache zu beten.) Meine beiden Geschwister ging ich ernstlich an, es ebenso zu machen; und dies war um so auffallender, da ich in dem väterlichen Hause nur sehr selten Gelegenheit gehabt hatte, diejenigen, welche um mich waren, beten zu sehen. Schon seit jener Zeit, ungeachtet in meinem äußern Leben Manches anders wurde, selbst während meiner Studienzeit habe ich nie vernachlässigt, diese Pflicht zu erfüllen, und ich kann sagen, daß dieses Gebet meine ganze Gottesverehrung ausmachte, bis zu dem Augenblicke, wo der Herr mich berief. Die Gebetsformel, welche übrigens ganz gut war, schloß mit den bemerkenswerthen Worten: „Deiner Erlösung harre ich, o Herr!" — Ich habe das Buch aufbewahrt, und so oft mein Blick darauf fällt, muß ich gerührt die Güte Gottes, meines Erlösers, preffen, der mir im reifen Alter verliehen hat, um was das neunjährige Kind nicht abließ, ihn jeden Abend zu bitten, ohne gerade zu wissen, um was es bat. Während meiner Studirzeit hatte ich zuweilen Augenblicke einer ganz besonderen Gemüthsregung, welche tiefe Spuren in meiner Seele zurückgelasseu haben. Ich erinnere mich, daß Samstags Abends eine arme Frau geistliche Lieder auf der Straße zu singen pflegte, um das Mitleid der Vorübergehenden zu erregen. Mehr als einmal geschah es, daß ich, so wie der Gesang der frommen Lieder vernehmbar wurde, meine Bücher und Studien liegen ließ; so unwiderstehlich zog es mich zum Fenster hin, wo ich daun lange unbeweglich stehen blieb, von einer Empfindung überwältigt, die ich nicht zu beschreiben vermag. Das Nämliche begegnete mir, wenn ich Sonntags Morgens den Gesang der feierlichen Lieder aus einer Kirche in der Nachbarschaft meiner Wohnung erschallen hörte. Ich besuchte ziemlich häufig das Theater, wo man unter Andern einmal Joseph in Egypten gab; hier hatte ich kaum die ersten Töne des dem Hebräischen nachgebildeten Morgengebetes gehört, als ich, ganz dem erwachenden heimathlichen Zuge hingegeben, meine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.