Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 5-6 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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66 aber nur der Güte Gottes verdanke ich es, späterhin vor offenbarer Gottlosigkeit bewahrt geblieben zu sein. Literatur und Wissenschaften nahmen mich frühzeitig in Anspruch; ich lebte mit der Welt und nährte eine leidenschaftliche Liebhaberei an Schauspielen, Bällen und allen Lustbarkeiten der Art; dabei gewährte mir aber doch das Studiren große Befriedigung. Frühzeitig lernte ich auch Voltaire's und Rousseau's Schriften kennen; aber das Oberflächliche, das Unredliche in ihren Systemen und besonders deren schreckliche Folgen, wie sie mir in der Geschichte der französischen Revolution vor Augen traten, schützten mich, mit der Gnade von Oben, gegen ihren verderblichen Einfluß. Ich war von meinen Eltern zum Arzte bestimmt und legte mich auf die Erwerbung der zu diesem Berufe nöthigen Kenntnisse; allein, immer fühlte ich mich zu den theoretischen Wissenschaften, zu philosophischen Betrachtungen mehr hingezogen. Der Kreis meiner Freunde bestand fast allein aus jungen Leuten, welche sich äußerlich zum Christenthume bekannten; unsere Unterredungen auf der hohen Schule drehten sich fast immer um Kant's Antinomie, oder die platonische Philosophie, um das System von Descartes, kurz um allerlei abstrakte Fragen. — Der Herr hatte mir einen Freund unter meinen näheren Verwandten gegeben, Herrn Da Costa. Wir Beide hatten als Israeliten, und von Kindheit an eng miteinander verbunden, in vielen Punkten gleiche Ansichten und den nämlichen Umgang. Ein Gelehrter von der Universität Leyden, der berühmte Bilderdijk, ein Mann von außerordentlichem Geiste, ein großer Dichter, ein vortrefflicher Historiker, ein tiefer Philosoph und, mehr als das Alles, ein wahrer Jünger Jesu, vereinigte damals mehrere junge Studirende um sich. Mein Freund, der ihn bereits seit mehreren Jahren kannte, war gleich mir unter der Zahl seiner Zuhörer. Er beehrte uns mit einer besonderen Zuneigung, und seine Unterredungen haben unter Gottes Lenkung nicht wenig beigetragen, meine Seele auf ernste Dinge zu richten. Wiewohl er vor meiner Bekehrung nie mit mir von dem Christenthume sprach, so übte er dennoch einen sehr großen und heilsamen Einfluß auf mein Herz. Die Thätigkeit, die innige Wärme seiner Seele, der Adel seiner Gesinnungen, seine Stärke in Beweisführungen, die Tiefe und der Umfang seiner Kenntnisse, verbunden mit einem rastlosen Streben, der Jugend zu nützen, alle diese schönen Eigenschaften ergriffen uns mit eigenthümlicher Kraft.