Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2554541-2554821-2554822--06306-2562288- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
19 treter der jüdischen Rechtgläubigkcit, dort überall nur die eigene Vorzüglichkeit heraus, wo der Grund zur allertiefsten Demuth vorliegt. Israel sollte ein besonderes Volk unter besonderen Ordnungen sein, es sollte vor allen Anderen zuerst in die Gemeinschaft Gottes treten, und eben daran sollte das Volk durch sein Gesetz und die Gestaltung seines Lebens durch dasselbe beständig erinnert werden. Israel und noch heute seine Neuorthodvxen verstehen dagegen den Willen Gottes dahin, daß er dies Volk unter solche Gesetze stellen wollte, weil und damit sie die Besten aus Erden wären, das Mustervolk unter den Nationen. Diese Gesetze haben und sie im Unterschiede von allen Anderen stets behalten, gilt ihnen so viel, als beständig die Besten auf Erden zu sein. Und während Gottes Wille dahin geht, alle Völker einmal in ihm eins zu machen und allen das Höchste, ein Herz seiner eigenen Art, zu schenken, wollen zahlreiche Juden daran festhalten, daß die jüdische Art das Volk Israel fort und fort nicht etwa blos von anderen als eigenthümliche Nation unterscheiden, sondern es „zum besten" unter allen übrigen machen solle. Nun, gegen die Gesetzgebungen der Heiden gehalten, war ja das mosaische Gesetz das unendlich viel bessere; mit dem Evangelio Christi verglichen, das die Menschen von Innen heraus neuschaffen und ihnen heilige Herzen geben kann, ist es nur eine schwache Vorstufe; denn was im Gesetze gefordert oder blos beschrieben war, wird hier geschenkt. Und selbst gegen christliche Gesetzgebungen, welche diesen Charakter ernstlicher an sich tragen, gehalten, ist das mosaische Gesetz vielfach das bei Weitem geringere. Die christliche Ehegesetzgebung z. B. übertrifft weitaus die jüdische; die Duldung fremder Kulte im Christenthum läßt sich, wenn auch gegen dieselbe viel gefehlt worden ist, gar nicht mit der jüdischen vergleichen; denn das mosaische Gesetz litt einfach gar keinen heidnischen Kultus in Kanaan u. s. w. Das mosaische Gesetz war ein großer Fortschritt im Verhältniß zum Heidenthum; es erscheint hingegen, wie der Hebräer-Brief sagt, vom christlichen Standpunkt aus beurtheilt, nur als „dürftige Satzungen". Der Eifer um die besonderen Sitten, welcher so stark auch unter den Neuorthodoxen zu Tage tritt, hat eben lediglich den moralischen Grund, daß sie noch weiter an der Illusion festhalten wollen, „die Besten" oder „das Mustervolk" der Erde zu sein. Während die Beobachtung 2*