Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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18 Jude nach der modernen Weise zu sein, d. h. so, wie es ja auch die Orthodoxen in den Ländern der gebildeten Völker gethan haben, an dem ganzen Leben derselben sich zu betheiligen und doch fortwährend einen politischen Sondergedankcn im Hintergründe zu behalten, führt einen inneren Zwiespalt herbei, der völlig unlösbar ist. Daß die Reformer hierin Recht haben, erkennt man am Besten aus der Art und Weise, wie die Orthodoxen sich dem Entweder- Oder entziehn wollen und es doch nicht können. Gerade ihre Rechtfertigung schlägt sie. Ganz der Schrift gemäß wird von den Orthodoxen die Zerstreuung Israels als eine Strafe Gottes anerkannt, während die Reformer sich gewöhnlich nicht scheuen, das Gegentheil zu behaupten, und rühmen: der Same sei reif gewesen, darum habe er die Fruchtschale zersprengt und sei nun ausgestrent worden, um in der ganzen Welt Frucht zu schaffen. Traurig freilich ist die Meinung, mit welcher die Orthodoxen die That Gottes, daß er sie zu seinem besonderen Volke gemacht hat, betrachten. Sie haben es ganz aus dem Gedächtniß verloren, daß Gott dies lediglich aus freier, unverdienter Gnade und gegen all' ihr Verdienst und Würdigkeit gethan hat. Sie vergessen es, daß es ihnen Jcsaias einschärfen muß (43, 27): „dein erster Vater hat gesündigt," und sie also daran erinnert, wie Abraham ja doch ans einem götzendienerischen Hause herausgerufen ist. Sie vergessen cs, daß es Gott ihnen im 5. Buch Moses unaufhörlich einschärft, wie er ihnen mcht um ihrer Gerechtigkeit willen das Land Kanaan schenke. — Wo Gott sie trotz ihrer schweren Sünde in seiner freien Wahl dazu erliest, ihm als Nation in dem Werke.seiner Offenbarung zu dienen, errichten sie sich nur selbst einen Ruhmesaltar. Sehr richtig wissen sie sonst zu unterscheiden zwischen hohen Gaben und moralischer Würdigkeit, wenn Andere ihnen Vorhalten, daß sie vor Israel bevorzugt seien. Ein König ist ja durch seinen Beruf nicht moralisch besser, als der Arbeitsmann, sondern nur zu höherer Stellung berufen. So ist auch Israel nicht als das moralisch beste Volk in seine Ehrcnstelle von Gott eingesetzt, sondern, weil die freie Gnade Gottes mit ihm so verfahren wollte und es ihm dadurch doppelt leicht machte, sich vor einem solchen Gott über die eigene Unreinigkeit zu schämen. Aber wie ehemals das ganze Volk, so lesen noch heute die Christo ferne bleibenden Juden, und an ihrer Spitze die Ver-