Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2554541-2554821-2554822--06304-2562286- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
17 Wenn dann die Zeit günstig sein wird, wird auch der Messias kommen. Wir denken nämlich, daß sich ein Mann der Sache seiner Brüder annehmen wird, welcher ein Nachkomme Davids ist. Deshalb braucht derselbe nicht gleichsam hergeschneit sein, sondern kann ganz gut in unserer Mitte weilen. An die Möglichkeit, leicht zusammenzukommen, werden aber doch wohl auch die Leugner des Messias glauben! Gibt's nicht Fahrgelegenheiten die Hülle und Fülle! gibt's ja Eil- und Courierzüge! Und wem das zu kostspielig sein sollte, nun, der kann ja Nachkommen. Doch Scherz bei Seite! Vorwärts! Das ist das Losungswort unseres Jahrhunderts. Und wohin denn, wenn nicht zur Wahrheit und zum Frieden! und das ist ja die — Messiasidee!" Solcher und ähnlicher Art sind die Messiashoffnungen unserer neuorthodoxen Juden. Wir sehn, dieselben sind hauptsächlich und recht eigentlich in ihrem Wesen politischer Art; für die Religion wird im Grunde nichts wahrhaft Neues durch dieselben gewonnen. Unsere Reformer lassen sogar in größerer Ausschließlichkeit das religiöse Moment in den Vordergrund treten, wenn sie von der Erfüllung der messianischcn Hoffnungen reden. Bei ihnen tritt der Gedanke, daß Israel in Zukunft wieder eine politische Selbstständigkeit erlangen müsse, durchaus zurück, und wenn sie, wie sie es zumeist thun, eine Erhaltung des jüdischen Stammes behaupten, dann lassen sie diesen in derselben Weise, wie bisher seit der Zerstörung Jerusalems duich die Römer, in der Zerstreuung weiterleben, aber nunmehr innerhalb der Völker den bleibenden religiösen Kern und den Träger der Lehre von der einen Person Gottes bilden, so zwar, daß sich alle Nationen und Religionsbekenntnisse in den Wegen der Juden zu wandeln bemühen. Hier ist Israel also recht eigentlich nur eine Religionsgemeinschaft, und zwar der ideale Stamm der alsdann die ganze Menschheit umfassenden einen Religionsgemeinde; dort, bei den Orthodoxen, eine politisch-religiöse Erscheinung, eine Nation in der Weise des Alten Testamentes, aber von der ganzen Welt als die bestimmende, alle anderen belehrende und entsprechend geehrte Nation anerkannt. Betrachten wir etwas näher die neuorthodoxe Messiashoffnung! Wir erkennen, daß dieselbe den inneren Zwiespalt, welcher die Juden selbst seit ihrer neuen Kulturperiode in verschiedene Lager scheidet, recht deutlich zu Tage treten läßt. Die Reformer behaupten: 2