Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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9 belehren, wenn diese der Simson der Reform wie Zwirnsfäden zerreißt. Die Thatsache aber lehrt jeder Blick in das Israel unserer Tage, daß alle Versuche des Zusammenhaltens, die immerhin eine Zeitlang helfen zu wollen scheinen, mit desto größerem Auseinandergehen endigen. Und dies eben ist der Charakter der neuen Periode des nachchristlichen Judenthums: ein beständig wachsender innerer Zerfall bei fortwährenden Restaurations- und Reformversuchen; Mischungen hin und her, bei denen bald das Alte, bald irgend ein Neues den Hauptbestandtheil bilden soll, die aber allzumal ein unsicheres Hin- und Hersuchen verrathen, nachdem die Zuversicht zum Alten verloren gegangen ist. — Natürlich erweckt solche Beurtheilung der Dinge in Israel unter den tonangebenden Juden aller Parteien einen entsetzlichen Sturm; ernsthafte Widerlegung findet man in diesen Kreisen nie, dafür am Liebsten Schimpfworte; die Zeit der Selbstbesinnung und der inneren Einkehr ist eben noch nicht gekommen. Der Bankerott muß erst ein völliger werden, ehe die eigene Ohnmacht eingestanden wird. Aber das Gefühl der inneren Haltlosigkeit bricht doch bei nicht wenigen Einzelnen unter den Juden bereits ernstlich durch. Das Israel der Zerstreuung hat zu keiner Zeit so viele seiner Glieder die Einverleibung in die christliche Kirche begehren sehen, als in der Gegenwart, die doch den Juden freiwillig und mit vollen Händen bietet, was ihnen früher versagt worden war, so daß ihnen damals, menschlich gesprochen, die Versuchung zum Uebertritt, um durch denselben die entgegenstehenden Hemmnisse zu beseitigen, so sehr viel näher gelegen hätte. Heute gleicht die Kulturwelt die Gegensätze, welche früher in der äußeren Lage der Juden und der Anderen so hohe Kontraste aufwies, immer durchgreifender aus; heute fällt den Juden Alles das in den Schooß, was sie früher nur um den Preis des Glaubenswechsels zu erlangen vermochten — und doch, wie klein die Zahl. der Uebertritte damals! und wie groß heute! Das Israel der Gegenwart hat eben nicht mehr die frühere Widerstandskraft gegen das Christenthum. In der einzigen Provinz Schlesien haben sich seit 1816 gegen 1,200 Juden der evangelischen Kirche angeschlossen. Und dies Alles ist geschehen, obgleich die christliche Kirche gerade in dieser neuen Zeit so entsetzliche innere Kämpfe zu bestehn hatte. Trotz ihrer inneren Zerrissenheit und trotz des Abfalls so vieler Tausende und Abertausende in ihrer Mitte, trotz der Schanden