Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2554541-2554821-2554822--06295-2562277- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8 religiöse Frage. Die talmudische Einheit geht aber freilich auch diesen Juden verloren. Ein überaus radikal sich färbendes Reformjudenthum gewinnt unter den Einen stets größeren Anhang; die höchste Spannung der Orthodoxie, der Chassidismus, weiß andere Zehntauscnde und Hunderttausende zu entflammen. Die neu und fast ohne jede Vermittelung, zumal in die russisch-jüdischen Gebiete eindringende Kultur schafft diese Schärfe der Gegensätze; hier ein leidenschaftliches Dafür, dort ein fanatisches Dawider. Aber jene Leidenschaft hat noch etwas Ursprüngliches, sie ist die unmittelbare Erregung von Gemüthern, welche bis dahin ein ziemlich lebhaftes religiöses Interesse für das talmudische Judeuthnm erfüllt hatte, und die in der That unter dem Drängen und Treiben der neu auf sie eindringenden politischen, socialen und Bildungsfaktoren zu einer ziemlich schnellen Entscheidung gedrängt werden. Mag das deutsche Judenthum also gegenwärtig immerhin noch an der Spitze des gesammten Judenthums stehen, die Tage seiner Führerschaft sind gezählt; es bereitet sich vor, besonders an das russische Judenthum seine Führerstelle abzutreten. Unser herzlichstes Interesse muß diesem deshalb zugewandt sein. Gott lenke zur rechten Stunde die Friedensboten Jesu Christi zu den Kindern Israels in jenem Lande; Gott leite zumal das von uns daselbst bereits früher aufgezeigte Fragen größerer Kreise nach der Wahrheit und dem Frieden in Jesu in die rechten Bahnen! Solcher Art ist der Zustand und die Verfassung des heutigen Israel. Auf sehr verschiedene Weise verliert das talmudische Judenthum in den verschiedenen Theilen des zerstreuten Volkes seine innere, die Herzen und Gewissen erfüllende und lebendig bestimmende Macht. Es ist heute die letzte Zeit der talmudischen Periode. Ein Neues, das allgemein die Verbindung zu knüpfen vermöchte, ist nicht vorhanden. Die Kultur der modernen Zeit, welche im Wesentlichen die Reformer als Ersatz bieten, fesselt und verbindet allerdings große jüdische Schaaren und wird ein Einigungsband derselben; aber dasselbe ist nicht religiöser Art und eben deshalb ein außerordentlich loses, überall vom Zerreißen bedrohtes. Das fühlen die Orthodoxen. Daher eisern sie so leidenschaftlich, möglichst viel von dem Alten, durch Jahrhunderte Bewährten zu erhalten. Die Orthodoxen merken cs jedoch nicht, daß sie selbst hänfene Stricke an Stelle der früheren Lebensbande verwenden, und lassen sich nicht