Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554821-2554822--06291-2562273- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4 die alte Richtung: die Orthodoxen mit ihrem äußersten Flügel, dem fanatischen Chassidismus, führen stets erbittertere Kämpfe auf deutschem Boden. Die frühere Einheit ist unwiederbringlich dahin, und die überaus rührige Tagesliteratur gießt täglich Oel in's Feuer. Ein seltsames Bild und ein Bild voller Verwirrung, aus der sich der nur nach dem Augenschein Urtheilende nicht herausfinden kann, bietet gegenwärtig das deutsche Judenthum dar. Die Orthodoxie sucht sich verzweifelnd aus den Armen der übermächtigen Reform heraus zu winden. „Scheidung" lautet jetzt sogar die Parole im orthodoxen Lager. Der preußische Landtag soll diese Scheidung gesetzlich gestatten, nachdem bisher die Juden bestimmter Distrikte Zwangsgemeinden gebildet hatten; er ist auf die Erledigung der Sache eingegangen, — und noch dieses Jahr wird wohl die Entscheidung bringen. Die Führer der Orthodoxie predigen laut: tiefer und einschneidender, als die Differenzen zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen, sind die zwischen modernem und talmudischem Judenthum. Das Band der gemeinschaftlichen Abstammung und Nationalität vermag die Juden so wenig noch weiter zu verbinden, als z. B. die Katholiken und Protestanten in Deutschland; es handelt sich gegenwärtig bei den Juden der Kulturwelt um die Anerkennung, daß dieselben ganz verschiedenen Religionen anhängen. In der That, der religiöse Zwiespalt dringt bis auf die Wurzeln, obgleich die Streitenden sich einander nicht einmal die tiefsten Differenzen gestehn. Orthodoxe und Reformer wollen ja beide Staatsbürger sein und wollen an aller Herrlichkeit der neuen Kultur- oder Humanitätswelt theilnehmen; beide wollen aus den gleichen Quellen schöpfen und jeder nur seinen Wein in ihnen finden! Wie sollen da aber Juden noch Juden bleiben? Beide Theile werfen sich es dann auch vor, daß sie das Judenthum zerstören, aber beide Theile wollen die Schuld eben immer nur in dem Andern, nie in sich selbst suchen. — „Wir sind in der Fremde", das war der Kardinalgedanke, nach dem der Talmud das ganze Leben der Juden bis in's Allerkleinste hinab gestaltete — und gegen diesen Kardinalgedanken sündigen doch die Heutigem Orthodoxen fast ebenso durchgreifend, wie die Reformer. Nur in der Synagoge und im Hause wollen sie noch einige Zäune erhalten wissen, die übrigen haben sie selbst mit niederreißen helfen. Erklärlich ist es.