Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Ein Blick auf das Israel unserer Tage beweist dies. Asiens und Afrikas Juden zwar schlafen noch den talmudischen Schlaf, aber derselbe ist ihnen nicht mehr, wie ihren Vorfahren, ein seliger Tranmzustand, sondern bedrückt sie wie der Alp einen unruhigen Schläfer. Geistesmatt, geistestodt, in die dumpfste Lethargie versunken wie die Muhamedaner, die über sie herrschen, so vegetiren die Juden Afrikas und Asiens — ein trauriges Bild. Das andere Extrem erblicken wir an den Juden Nord-Amerikas. Jenes Alles zersetzende Land hat auch die Juden in seiner Mitte so völlig in seinen wilden Gährungsprozeß hineingezvgen, daß in den meisten Fällen nur noch der Name und das Geschlecht das Band bilden, welches sie mit der großen jüdischen Familie zusammenhält. Dieselbe geistige Unselbstständigkeit und dieselbe Unproduktivität im Gebiete des Idealen aber, welche die Nord-Amerikaner kennzeichnen, treten an den Juden der Union hervor. Deutsche Juden und Rabbiner haben das Führeramt in ihrer Mitte überkommen und versuchen nunmehr, durch möglichstes Eingehen auf das Belieben der Massen, die Heerden noch zusammenzuhalten. Religiös unfruchtbar sind auch die Juden der romanischen Völker Europas. Wie diese Nationen selbst, schwanken ihre Inden beständig zwischen einer starren Formenorthodoxie und der äußersten Freigeisterei hin und her. Die äußeren Fragen der Politik, des Handels oder der rein weltlichen Wissenschaften nehmen das Centrum ihres Lebens ein. Sie sind noch Juden aus alter Tradition, und weil es ihnen nicht verwehrt wird, dies zu sein, während sie das Leben genießen; aber sie sind keineswegs, obgleich sie es sich oft einbilden, die bestimmenden Glieder an dem jüdischen Leibe. Die Führerschaft der Judenwelt liegt heute noch, wie seit Mendelssohn überhaupt, bei den deutschen Juden. Sie haben eben mit Theil genommen an der Bedeutung, welche das deutsche Volk in der neueren Zeit überkommen hat. Die neue Geistesentwickelung, welche Deutschland nun seit 100 Jahren von Stufe zu Stufe fortschreitend an die Spitze der modernen Kulturwelt geführt hat, ist auch für die Juden in seinem Gebiete entscheidend geworden. Und auch über sie ist derselbe Zwiespalt gekommen, der die christliche Bevölkerung Deutschlands immer schärfer in einander ganz feindselig sich entgegentretende Lager scheidet. Die neue Richtung: die Reform in ihren zahlreichen Nüancen und Mittelstufen, und 1