Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ackerbauvolk Israel in diesem langen Zeitraum fast ganz — Alles an ihnen bekundete eben die Fremdlinge und die Eilfertigkeit der Fremden. In seinem eigenen Innern aber suchte sich , das zerstreute Volk einen Ersatz für das Verlorene und eine neue Heimath zu schaffen. Jahrhunderte lang schien es auch so, als sollte ihm dies gelingen. Israel erbaute sich ein neues Zion und Jerusalem, bearbeitete und pflegte ein zweites Kanaan; das war sein Talmud, sein die sinaitische Gottesordnung verdrängendes sogenanntes mündliches Gesetz. Diesen Boden theilte es mit Niemandem auf der ganzen Welt, hier war es einzig und allein selbst zu Haus, hier wehte nur sein eigener Geist, hier athmete es nur seine Luft — und also träumte es sich hinter den Zäunen des Talmud in die Seligkeit des allein währen Gottesvolkes hinein. In der Fremde hatte es eine Heimath gefunden, unter den Völkern ein gelobtes Land! Kann man sich wundern, daß es für dieses Reich und für dieses Paradies Leib und Leben dranwagte? Wird es nun verständlich, warum Israel, was allen Anderen als ein entsetzliches Gemisch von Thorheit und einiger Weisheit, von Finsterniß und wenigem Licht erschien, über allen Glanz und Macht und Kunst und Wissenschaft und Freude und Lust und Glauben und Liebe der ganzen übrigen Welt erhob? Aber diese Zauberwelt verbleicht jetzo vor Israels Augen. Mendelssohn zuerst genoß wieder, nachdem die kulturfreudigen Juden der arabischen und der spanischen Zeit längst begraben waren, von «den verbotenen Früchten der Welt der Völker. Er sagte Israel — und glaubte in der That selbst, was 'er sagte -— daß freilich seine eigenen Gewächse ein himmlischer Same seien, daß aber der Jude auch alle Früchte, die im Völkergarten gewachsen seien, -genießen dürfe, ohne Erdenart darüber annehmen zu müssen oder in die Gefahr zu gerathen, seine göttliche Art zu verlieren. Drohend und warnend traten ihm die Rabbinen des alten Geschlechtes entgegen und verkündigten, daß, wer von diesem Baume genießen würde, aus dem Paradiese werde vertrieben werden. Mendelssohn aß und gab seinem Israel, das er doch wie seine Braut liebte, von derselben Frucht, „den Wissenschaften, den Künsten, den Geistesgaben der Völker", zu genießen — und siehe, seitdem hat sich je länger je offenbarer in Israels eigenen Augen das talmudische Paradies in ein Feld voller Dornen und Disteln verwandelt!