Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 30 (1874)
- Issue
- 11-12 (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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189 So ist denn nun auch während des Jahres 1873 eine größere Zahl von Juden als je früher wöchentlich und selbst täglich in den Mifsionssaal nach Palästina-Place gekommen.. Welche Gründe sie auch zu diesem Besuche veranlaßt haben mochten. Wenige, wenn überhaupt irgend Einer verließen den Ort, ohne an das Eine, was noth thnt, erinnert worden zu sein. Das zur rechten Zeit gesprochene Wort hat sich denn auch nicht in allen Fälle» fruchtlos erwiesen. Ueber 80 Männer und Frauen, außer mehreren Familien, welche die Wahrheit gehört hatten, traten in einen regelmäßigen christlichen Unterricht. Insbesondere zogen die Gottesdienste in der Kapelle , auf Palästina-Place solche Juden, welche noch nie vordem in den Mauern eines christlichen Gotteshauses gewesen waren, an. Die Neugier, die Kirche „der Abtrünnigen", wie die Juden die christlichen Israeliten nennen, zu sehen, zieht Manchen herbei, gelegentlich doch einmal dem hebräischen Gottesdienst am Sonntag-Nachmittag beizuwohnen. Der friedliche Ton der Gebete in einer Sprache, welche ihren Ohren gewohnt ist, und die ernsten Mahnungen, welche an ihre Gewissen gerichtet werden, erwecken ihre Aufmerksamkeit und Manche, wie es noch neuerdings mit Einem, der später getauft wurde, geschah, gehn mit einem ernsteren Eindrücke hinweg. Manchmal jedoch ereignet sich ein Ausbruch des Unwillens, der es in schmerzlicher Weise ahnen läßt, welche Duldung christliche Juden erfahren würden, wenn das Judenthum und zwar ohne Unterschied, ob es ein talmudisches oder ein rationalistisches wäre, die Macht hätte, die es glücklicher Weise nicht besitzt. Dafür ein Beispiel. Am Sonntage nach Ostern wurden sechs erwachsene Juden in die Kirche ausgenommen. Die Zahl der Juden, welche sich, um der heiligen Handlung beizuwohuen, eingefunden hatte, war eine ungewöhnlich große. Während der Predigt und der Gebete blieben sie ruhig und aufmerksank. Beim Verlassen der Kapelle thaten Einige Aeußeruugen, welche den Eindruck bekundeten, den dieser Gottesdienst auf sie gemacht hatte. Einer, der nie in einer christlichen Kirche gewesen war, äußerte: „Dieser Ort ist so frei von Götzendienst wie eine Synagoge"; ein Anderer bemerkte: „Ich yieiß nun, warum so manche unserer Leute Christen werden — ihr Gottesdienst ist ein so anziehender und andächtiger, daß, wenn ich ihm öfter beiwohnte, ich nicht ganz sicher wäre, ob ich mich ihm nicht anschließen würde"; während ein Anderer einen Fluch, der