Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 30 (1874)
- Issue
- 11-12 (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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171 mit Ihnen über diesen Gegenstand zu sprechen, und wenn es der Fall wäre, so würde es nutzlos sein." Alle weiteren Versuche, ihn zu bewegen, sich über die Sache zu äußern, scheiterten, so daß ich mich zuletzt genöthigt sah, ihn zu verlassen." Die ungemeine Verweltlichung und Unmoralität, welche die Juden dieses Landes eine so lange Zeit hindurch charakterisirt hat, ist eher noch schlimmer als besser geworden. Ihre religiösen Uebungen sind mehr als je vernachlässigt, die Synagogen stehn an den Sabbathen fast leer, während die gemeinen Kneipen voll sind. Auch wenn Krankheit oder selbst der Tod bereits an der Thür stehn, zeigen sie keinen rechten Ernst; kurz, der geistliche Zustand dieser Juden ist ein überaus trauriger. Dagegen ist unter den tunesischen Juden gegenwärtig ein ziemlich allgemeines Verlangen nach Unterricht erwacht. Bis vor 4 oder 5 Jahren war unter den strengen Anhängern des Talmud nichts gefürchteter als europäischer Unterricht und Aufklärung, als ob man sich bewußt wäre, daß die Folge der schließliche Sturz ihres jetzt schon sinkenden Systemes sein würde. Deßhalb beschränkten sie ihre Studien auf das mündliche Gesetz und seine Erklärer, unter Ausschluß aller anderen Kenntnisse, so daß die gelehrtesten Rabbiner der alten Schule in Geographie, Geschichte u. s. w. völlig unwissend sind und keine andere als ihre eigene Sprache können. Jetzt aber ändern sich die Zeiten. Der Gang der Civilisation öffnet ihnen, obgleich in diesem Lande vielleicht langsamer als in irgend einem andern, die Augen für das Bedürfniß des Unterrichtes ihrer Kinder, und so kann man patriarchalisch und bigott aussehende Rabbiner ihre Kinder an eine oder die andere der örtlichen Anstalten führen sehen, um dort gerade die Dinge zu lernen, gegen welche sie selbst in ihren Herzen die größten Vorurtheile hegen. Diesem Umstande sowohl als dem Rufe, den glücklicherweise unser Institut besitzt, ist der bemerkenswerthe und ermuthigende Erfolg zuzuschreiben, der die Arbeit unserer jüdischen Knabenschule das Jahr hindurch gekrönt hat. Die Zahl dieser Knaben betrug am Schluffe des Jahres 59 und wäre noch größer gewesen, wenn ein umfangreicheres Lokal zur Verfügung gestanden hätte. In der That könnte dieser wichtige Zweig der Arbeit beträchtliche Erweiterung erfahren, wenn dies für wünschenswerth erachtet werden sollte. Der christliche Charakter der Schule ist ganz und völlig aufrecht erhalten worden.