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Dibre Emeth · 1874-01-01 · 11-12 (1874) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
30 (1874)
Issue
11-12 (1874)
Date
1874-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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164 unbändiger und wilder denn je zu Tage. Wer nur in sich selbst hineinblickt, muß es erkennen, wie sehr er selbst in seinen Gedanken sich dessen entwöhnt hat, mit seinem ganzen Leben nur in dem Dienste Gottes stehen zu wollen, wie hart es ihm ankommt, den eigenen Willen zu opfern, wie viel er geklagt und gemurrt hat, wie viel er unzufrieden und neidisch, wie viel er erregt und erzürnt, wie viel er ungehorsam und unwillig, wie viel er selbstsüchtig und ungeduldig gewesen ist, und wie oft er sich in seinem Leben angestellt hat, als müsse im Grunde Alles nach seinen Gedanken gehen. So sieht es im Leben der Einzelnen, so in dem großen Leben draußen aus. Denn auch in diesem Letzteren ist man Gott überall zu nahe getreten und kann es daher nicht mehr unterscheiden, was sein Wille ist. Daher hat es ein Papst gewagt, sich auf den Stuhl Christi zu setzen, daher finden Kirche und Staat nicht mehr die ihnen gewiesene Grenze, sondern greifen beide zu weit und verwirren Alles auf's Tiefste. Daher geschieht es, daß die Frage um das Mein und Dein die Herzen mit so unsäglichem Haß erfüllt: Arbeitende und Nichtarbeitende, Hohe und Niedere, Reiche und Arme haben die Schranken, die Gott ihnen gezogen, niedergerissen. Daher ist es auch gekommen, daß es sich die Wissenschaften nicht mehr eingestehen wollen, wie bald ihre Grenze erreicht ist, und daß sie die Räthsel des Lebens mit lauter verlöschendem Licht zu erhellen versuchen. Eben daher werden auch selbst viele Gläubige immer mehr bloße Menschenknechte: Die Einen Sklaven des Priesters in Rom, Andere der Spielball der großen Massen und wieder Andere bloße Diener der augenblicklichen Gewalthaber. Die Zeitmeinungen, die Zeitstichworte, die Zeitströmungcn und die Zeitideale werden die Ketten, in welche sich selbst religiös Gesinnte, oft ohne es zu wissen, schmieden lassen. Die Weichlichkeit und der bequeme Genuß rauben uns Kraft und Saft, und als schwankende Rohre sehen wir gewöhnlich diejenigen dastehen, welche die geistlichen Führer der Andern werden sollten. Weil man sich eben gewöhnt hat, gegen die Mahnungen und gegen die Schrecken des nahen Gottes Auge und Ohr zu verschließen, darum geht es immer tiefer abwärts — und kein Gesetz schafft einen Halt, und kein Sieg oder Erfolg bringt uns neue Kraft, sondern mit der verlöschenden Gottesscheu und der wachsenden Menschenfurcht und Menschenrücksicht brechen Gesellschaft und Staat und die großen Kirchen zusammen.

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