Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 30 (1874)
- Issue
- 9-10 (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554813-2554819--06225-2562206- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
133 zu bemerken. Stets herrschte z. B. große Freude, so oft ich Bibelstellen hebräisch citirte oder einige Kenntniß der jüdischen Gebräuche zeigte. Wenn ich dann unter meiner Umgebung etliche Schriften vertheilte, so wollte man mir durchaus die Autorschaft derselben zusprechen. Ein alter Jude vergoß Thränen der Rührung, als ich ihm erklärte, daß zwar die betreffenden Schriften nicht von mir herstanimten, wohl aber Anderes, z. B. eine Zeitschrift „Dibre Emeth", von mir geschrieben werde. Der hebräische Name des Blattes ergriff ihn so sehr, daß er meine Hände nahm, eine Weile mich still ansah und mich alsdann mit vom Weinen erstickter Stimme segnete. Ein Anderer notirte sich sofort mein Buch St. Schultz zur Bestellung und frug genau, an welche Buchhandlung (F. A. Perthes in Gotha) er sich wenden solle. Einer aber erzählte dem Anderen von meiner literarischen Thätigkeit, so daß ich ans diese hin von mir ganz unbekannten Juden angeredet wurde. Merkwürdig ist dieses noch fortwirkende Erbe des Respektes vor schriftstellerischem Wirken. Im Speciellen fiel mir auf, wie weit die talmudische Lehre von dem doppelten Messias, den zwei Personen des leidenden Josephssohnes und des herrlichen Davidssohnes bekannt war; und ebenso, wie die Auslassung des Kap. 53 Jesaia in der Reihe der prophetischen Synagogenlektionen auch eine so große Unbekanntschaft mit diesem Kapitel herbeigeführt hat. Ebenso bedeutsam aber war es für mich, bei dieser Gelegenheit einmal bemerken zu dürfen, in welchem Umfange die Mission mit jenen östlichen Juden, sei es durch ihre umherreisenden Sendboten, sei es durch Schriften, die weithin cirkuliren müssen, in Berührung getreten ist. Von den Missionaren sprachen diese Juden übrigens als von sehr gelehrten Männern und mit offenbarer Achtung. In Deutschland herrscht bekanntlich ein anderer Geist gegen dieselben. Gegen die christliche Kirche fand ich in den mir diesmal zugänglich gewordenen jüdischen Kreisen keine feindselige Stellung vor; die neugeöffnete Welt der Goim hatte für sie ein zu großes Interesse. Als ich in der alten Synagoge zu Prag einem Juden, mit dem ich dieselbe besichtigte und der hierbei nicht müde ward, die Gleichheit von Juden und Nichtjuden hervorzuheben, erklärte, daß wir Christen, wenigstens zum Theil, dem Volke Israel gern den Vorzug lassen wollten, noch einmal allen Völkern zuvorzukommen, wenn es sich nämlich zu Jesu