Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 30 (1874)
- Issue
- 9-10 (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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132 dunklen Gefühle der Ratlosigkeit und Unbefriedigung zwischen Altem und Neuem zu vermitteln, aber freilich um so vergeblicher, als die Wünsche und Begierden 31t Vieler bereits dem neuen Weltlichen und dem Fortschritt im Weltlichen innerlichst zugewandt sind. Ja, in diesem hat sich ganz kenntlich ein neues verheißenes Land vor den Augen großer Schaaren unter jener sogenannten orthodoxen Menge aufgethan, und das alte Sehnsuchtsbild Canaan und sein Messias verblassen darüber zusehends. Ich habe den Messiasgedanken selbst unter diesen Vertretern der Orthodoxie nirgends als eine wirklich lebendige Hoffnung gefunden, wenn gleich die Anerkennung der orthodoxen Lehre vom Messias noch unerschüttert seststand. — Bei dieser Lage der Dinge ist es mir nun auch ganz erklärlich, warum der Prozeß der Entwickelung unter diesen Inden des Ostens jenen schon viel besprochenen Charakter angenommen hat, nämlich daß sich daselbst immer sichtbarer zwei Extreme ausbilden. Das Bisherige will sich eben nirgends mehr halten lassen, sondern die Anhänger des Alten fühlen sich in die Arme des Chassidismus getrieben, die Anhänger des Neuen sind einer Neugestaltung zugeneigt, welche eine ziemlich radikale Art anzunehmen droht. Und wie ist es auch anders möglich! Ihr tiefer Zwiespalt, ihre innere Unwahrheit, ihr Bruchstückwesen und ihr völlig überwiegender Formalismus, dem Lcbensgedanken in zu hohem Maße fehlen, muß je länger desto mehr jener Orthodoxie die Herzen zur Linken und zur Rechten entfremden; cs liegt nur in der Natur der Sache, daß sie immer mehr Terrain an ihre beiden Gegner verliert und einen matten Vertheidigungskampf gegen die Offensive Beider kämpft. Wohl fehlte es den mir bekannt gewordenen Orthodoxen bei ihrer eben geschilderten geistigen Verfassung nicht gerade an Interesse für religiöse Unterhaltung, aber dieselbe geschah ohne Wärme eben so gut, wie ohne Leidenschaft. Daher kam es wohl auch, daß ich nur selten wirklich lebhafteren Widerspruch erfuhr. Nur ein Jude, der mir aufmerksamer zugehört hatte, ohne sich dabei selbst in's Gespräch zu mischen, versuchte durch den Schreckensruf: „Es ist ein Missionar!" den um mich gesammelten Kreis seiner Glaubensgenossen auseinanderzusprengen; aber er hatte nur kurzen Erfolg. Sonst hörte man mich willig an. Und wenigstens Spuren einiger inneren Thcilnahme waren bei dieser Zuhörerschaft