Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 30 (1874)
- Issue
- 9-10 (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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zeit der Mendelssohnschen Bewegung. Biele der deutschen Reformjuden lieben es hingegen bereits, sich in dem Gedanken zu sonnen, daß sie es in allen übrigen Stücken den Anderen vollkommen gleich thüten, daß sie aber darüber hinaus nun sogar den Vorzug besäßen, die geistigen Führer der Welt zu sein und derselben die Höhe zu zeigen, welche sie noch zu ersteigen habe. Dem Judenthume der neuesten Form gehöre die Zukunft in der Menschheit, das ist ein Gedanke, der, einmal laut geworden, nun so lange wiederholt wird/ bis er wirklich ein.Glaubensgrundsatz derer wird, die ihn zuerst nur als Phrase ausgesprochen haben. Die Führer des deutschen Reformjudeuthums sind die Apostel dieser Juden in der ganzen Judenschaft. Im Osten hat jedoch das Reformjudenthum bei Weitem noch nicht das Uebergewicht, wie z. B. in Deutschland. Und so zählte auch die größere Zahl der Juden, mit denen ich in Berührung trat, zur Klasse der Orthodoxen. Es war mir aber äußerst wichtig, einen näheren Einblick in die Art und den Charakter, welche die heutige jüdische Orthodoxie an den eigentlichen Hauptsitzen ihrer Herrschaft angenommen hat, zu gewinnen. Da konnte man es nun deutlich wahrnehmen, daß diese Orthodoxie selbst in ihren Machtgebieten nicht mehr die alte ist. Der Geist der Neuzeit übt vielmehr auch ans sie bereits denselben übermächtigen Einfluß aus, wie auf ihre Brüder in den Culturländern; wir sehen sie in genau dieselbe Entwickelung eingetreten, welche bei uns die bekannten Folgen gehabt hat; jene Leute sind thatsächlich unsere Juden aus der Zeit von 50—100 Jahren. So fehlt ihnen denn auch die alte talmudische Sicherheit und das alte muthige Selbstbewußtsein auf dem talmudischen Gebiete. Das Denken und Dichten jener Periode lebt in ihnen nicht mehr mit seiner ursprünglichen Kraft fort. Neues nach alter Weise zu schaffen, aber es fehlt ihnen völlig nicht blos das Vermögen, sondern auch der Trieb, und offenbar bildet, wenn man nur irgend genauer zusieht, das talmudische Gesetz nicht mehr, wie es früher der Fall war, den wirklichen Inhalt ihres Lebens, sondern dasselbe wird für ihre Herzen in steigendem Maße etwas Aeußerliches. Das Alte wird beibehalten, weil das moderne Wesen noch nicht den entscheidenden Sieg davongetragen hat; Letzterem jedoch einen energischen Widerstand entgegenzusetzen, gebricht es an Selbstvertrauen, an der Kraft und an dem Willen. Eben deshalb versucht man, ohne sich freilich der eigenen inneren Unsicherheit recht bewußt zu sein, vielmehr in einem gewissen