Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 30 (1874)
- Issue
- 9-10 (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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130 mieden augenscheinlich jede nähere Berührung mit Andersgesinnten, sie beschränkten sich der Regel nach aus den Verkehr untereinander und ließen sich selbst mit andern Juden nur selten in ein Gespräch ein. Eingehender mit einem Chassid zu verkehren, ist mir nur in einem Falle gelungen. Bei dieser Gelegenheit aber erklärte mir der Betreffende auch ganz offen, daß seine Hoffnung der Rebbe (Rabbi) sei, der als Heiliger für ihn ersetze, was ihm persönlich an eigener Gerechtigkeit fehle. Das Sündengefühl ließ dieser Mann um so weniger in sich erwecken, als er, trotz des Alten Testamentes, die böse Lust nicht für Sünde gelten lassen wollte. Mit Ueberverdiensten für sich und die Seinen schloß seine religiöse Selbstbeurtheilung. Leichter war es, den reformerisch gesinnten Inden aus den oben genannten Ländern nahe zu kommen. Aber ihr religiöses Interesse war ein äußerst-geringes; „deutsche Bildung" war der Kern und Stern ihres Glaubens. Sie ergossen sich in Spott und Hohn über diejenigen ihrer jüdischen Landsleute, welche noch die jüdische Tracht trugen, und äußerten allgemein den Wunsch, daß die Regierung denselben die langen Röcke abschneiden möchte. Fast der Regel nach richteten sie an mich die Frage, wie ich über die Emancipation der Juden dächte. Diese Frage allein schien für sie ein lebhafteres Interesse zu besitzen, alle anderen erschienen gleichsam antiquirt. Als ich dennoch nicht abließ, stets das religiöse Thema in den Vordergrund zu stellen, schickten sie eines Tages zu mir einen reichen und halbgebildeten Juden, um mir durch denselben erklären zu lassen, daß ich mir um ihre Seelen keine weitere Mühe geben solle, da man gegenwärtig allerseits aufgeklärt genug sei, zu wissen, daß die Religion nie und nirgends zwischen den Menschen Unterschiede stiften dürfe, und es eben daher Jedermann ganz selbst überlassen sei, ob er eine Religion habe und welche Religion er wähle. Man räumte mir ein, daß ihr Vater Abraham und das jüdische Volk bisher so nicht gedacht hätten, entschuldigte dieselben aber „als Menschen der alten Zeit"; „die Gegenwart", wurde mit Befriedigung hervorgehoben, „ist weiter fortgeschritten, und wir sind Kinder der Gegenwart". Jene östlichen Reformjuden sind in der That oft noch viel radikaler, als die Reformer in unserem Lande. Indem sie jedoch die moderne Cultur noch als eine Höhe betrachten, die zu ersteigen sie erst begonnen haben, sind sie vielfach bescheidener, als unsere Reformjuden; sie gleichen etwa den Juden unseres Landes aus der Anfangs-