Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 30 (1874)
- Issue
- 7-8 (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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126 bestand, ja in manchen Gegenden noch besteht. Es betrübt mich oft, wenn ich sehe, welche häßliche Namen die jüdische Presse dieser Gesellschaft beilegt, und wenn uns Beweggründe untergeschoben werden, die wir, Gott weiß es, nie gehabt haben. Die Juden stehen heute mit uns gleich, besuchen mit uns dieselben Schulen, gehn mit uns Hand in Hand bei Werken der Wohlthätigkeit und der Barmherzigkeit, und ich bezeuge ihnen gern ihre Tugenden der Barmherzigkeit und der Wohlthätigkeit; ebenso hat die Vertheidigung der jüdischen Sache auf tausend Rednerbühnen in England ohne Zweifel einen wesentlichen Einfluß auf die Veränderung des ganzen Zustandes der jüdischen Gemeinschaft unter uns und auf die Veränderung der Gesinnung gegen sie geübt. Hat aber, wenn dies der Fall ist, die Gesellschaft nicht gethan, was von ihr erwartet wurde? Mau blicke auf die offene Bibel. Man betrachte, wie die Gesellschaft diese Bibel ganz frei zu den Juden gebracht hat. Ein Bischof hat einmal gesagt, daß wenn die Gesellschaft auch nur dies Eine gethan hätte, den Juden weit und breit die Bibel zu öffnen und das Neue Testament in eine Sprache zu übersetzen, welche die Juden lesen und verstehn können, schon dies den Dank der Kirche Christi verdient haben würde. Ich meine, man hat in der Schätzung unseres Werkes viele Mißgriffe gethan. Man hat Vergleiche angestellt, die, nicht angestellt werden sollten, denn für unser Judenmissionsfeld bestehn gewisse besondere Bedingungen, die für kein anderes gelten. Ich will nicht gehässige Vergleiche anstellen, sage aber, daß bei der Schätzung der Resultate des Judenmiffionswerkes gewisse Bedingungen in Rechnung gezogen werden müssen. Nehmen wir das Heidenmissionsfeld an. Wir gehn in die finstere Masse des Heidenthums, das noch in der Welt existirt, hinein, und was ist dann der hervorstechende Zug unserer Bemühungen? Wir sammeln unsere Bekehrten mitten aus einer großen Masse, die in dichter Finsterniß lebt, heraus, und mit jedem Jahre wird durch den Prozeß des natürlichen Wachthums und der ernsten Anstrengungen unserer Missionare jene kleine Schaar größer und größer und hebt sich immer bestimmter aus ihrer Umgebung heraus. So ist es nicht in unserem Werke. Wir gehn zu Leuten, die rings von Christen umgeben sind, sie gleichen kleinen Punkten inmitten der Christenheit, und das Gesetz, welches unser Missionswerk beherrscht und beherrschen sollte, ist: Verschmelzung mit den Uebrigen — das heißt also: wenn wir Seelen für Christum erwerben und Juden für das Christenthum gewinnen, so bleiben diese nicht eine besondere Gemeinde, sondern sie werden mit der christlichen Kirche verschmolzen und vermischen sich mit der Christenheit, so das Wort des Evangeliums erfüllend: „Hier ist kein Unterschied zwischen Juden und Griechen".