Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 30 (1874)
- Issue
- 7-8 (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2554541-2554813-2554818--06215-2562195- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
124 Aber noch ein Anderes möchte ich als Grund für die Nothwendigkeit dieser Gesellschaft anführen — nämlich den geistlichen Zustand der Juden. Davon zu sprechen ist selbst in einer Versammlung, wie die augenblicklich an diesem Orte zusammengekommene ist, nicht unnöthig, weil man vielfach in großen Jrrthümern über die geistliche Beschaffenheit der Juden lebt. Freilich ist es gar seltsam, wie unsere Widersacher während der letzten fünfzig Jahre ihre Gründe gegen unser Werk geändert haben. Im Jahre 1809, dem Stiftungsjahre der Gesellschaft, bestand die Schwierigkeit darin, es nachzuweisen, daß ein Jude überhaupt bekehrt werden könne — daß er nicht seinem Wesen nach blind oder in seinem Herzen so hart wie ein Diamant sei. Jetzt zeigt sich die Schwierigkeit, die Christen zu überzeugen, daß die Juden überhaupt das Evangelium bedürfen. In der That gar seltsam ändern die Widersacher ihre Gegengründe. Wir können jetzt auf die unerbittliche Logik der Thaffachen Hinweisen, wenn uns Jemand fragt, ob ein Jude zum Evangelium Christi gebracht werden könne. Laßt die Judenmissionare, die selbst Hebräer vom Samen Abrahams sind, antworten; sie sagen „Ja". Laßt die Geistlichen antworten, die wichtige Stellen in unserem eigenen Lande bekleiden; sie antworten „Ja". Laßt die Tausende von Bekehrten der Gesellschaft in London, in Europa und im fernen Osten antworten; sie alle sagen „Ja". Da giebt es Hunderte und Tausende vom Samen Abrahams, welche zur Heerde Christi gesammelt, welche der Fahne des Kreuzes gefolgt sind und singen: „Heil dem Lamme, das uns mit seinem Blute erlöst hat!" Dieses Lied der erlösten Welt entbehrt aber seiner vollen Harmonie, bis sich die Söhne Abrahams mit den Völkern zum großen und gewaltigen Chor vereinigen. Oder hören wir einen anderen Einwurf. Ist nicht der jüdische Glaube,/ fragen Manche, so gut wie der meinige? Ja leider, muß ich sagen, ist er gerade so gut wie der der ungeheuren Masse sogenannter Christen. Doch, was Jene meinen, ist dies: Ist nicht die Religion der Hebräer so gut wie das Christenthum selbst, und ist nicht das Judenthum lediglich die ältere Form des Christenthums? Freilich, in dieser Versammlung wird eine solche Meinung nicht viele Vertreter finden. Mit denen, welche Socrates und Christus nur auf verschiedene Stufen des moralischen Pantheons der Welt stellen, habe ich nichts zu thun; denen aber, die da fragen: Ist das Judenthum nicht so gut wie das Christenthum? antworte ich: „Warum ist denn alsdann Jesus Christus noch gestorben?" Wir würden doch wohl vor einem solchen Mitfüßentreten des Blutes des ewigen Bundes zurückschrecken. Ist denn aber das moderne Judenthum dasselbe wie das Judenthum in seiner älteren Gestalt? Ich meine, nein; ich meine, das