Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 30 (1874)
- Issue
- 5-6 (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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78 Ein jüdischer Student, welcher früher ein Chasid war und nun Christ werden wollte, war ganz erstaunt, von uns zu erfahren, daß auch die Protestanten an die Gottheit Jesu Christi glauben. Er verließ uns mit den Worten: „Sie sind keine Protestanten, sondern Jesuiten oder deutsche Katholiken, wenn Sie noch an Jesum glauben!" Heute ging uns der Vorrath an hebräischen Neuen Testamenten und jüdischen Matthäus-Evangelien wieder aus. In 3 Tagen verkauften und verbreiteten wir in Plozk viel mehr hebr. Neue Testamente und Missionsschriften als in Warschau in 6 Monaten. Am 29. Juni kamen noch viele Juden von der ungelehrten Klasse und wollten das Matthäus-Evangelium im jüdischen Jargon kaufen; da wir aber keine mehr hatten, gingen sie betrübt davon. Wir verkauften hier sämmtliche christliche Schriften, die wir im jüdischen Dialekt und in der hebräischen Sprache mitgenommen hatten. Viele junge Leute von Plozk verlangten meine Adresse, damit sie mir nöthigen Falls schreiben könnten, und Einige versprachen mir sogar, nach Warschau zu kommen, um mich zu besuchen. Der 30. Juni war der letzte Tag unseres Aufenthaltes in Plozk, an welchem wir noch zahlreiche Besuche von Juden aus allen Ständen empfingen, die gekommen waren, um noch allerlei Missionsschriften und Evangelien zu kaufen. Aber leider konnten wir ihrem Wunsche nicht mehr entsprechen, weil uns der ganze Vorrath ausgegangen war. Nachmittags besuchten mich noch 4 fromme und sehr ernste Männer, um das Evangelium zu hören. Drei Stunden lang saßen sie ruhig und still da und hörten mit gespannter Aufmerksamkeit das Evangelium von dem gekommenen Messias und Erlöser Israels. Der tiefe Ernst und die unbeschreibliche Heilsbegierde dieser Männer machte auf uns einen tiefen Eindruck. Was in ihren Herzen vorging, malte sich deutlich auf ihren Gesichtern. Man konnte die Wirkung des heil. Geistes deutlich spüren. Tief bewegt und gerührt nahmen wir von einander Abschied; sie drückten mir brüderlich die Hand und wünschten uns eine glückliche und gesegnete Reise. Dies war der letzte Eindruck, den wir auf unserer diesjährigen Evangelisations- und Missionsreise empfangen haben.