Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 30 (1874)
- Issue
- 5-6 (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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77 Da er selbst ein gottesfürchtiger Mann ist, so liegt ihm auch das Seelenheil seiner 2—300 Gefangenen auf dem Herzen. Nachmittags besuchte uns der Sohn des hiesigen Oberrabbiners mit 4 gebildeten Jünglingen. Diese jungen Leute waren sehr ernst, empfänglich und heilsbegierig, so daß sie sich 4 Stunden lang über das Wesen des Christenthums belehren ließen. Ich forderte sie zum Schluß auf, in die Fußstapfen der Patriarchen, Propheten und Apostel zu treten, und 2 von ihnen versprachen mir auch feierlich, meinen Rath befolgen zu wollen, wenn sie das hebr. Neue Testament gründlich durchstudirt haben werden. Gegen Abend kamen auch alle Knaben und Schüler aus den Talmud-Schulen und Synagogen zu uns und ein Jeder von ihnen war mit einem Kopeken versehen, um ein hebr. oder jüdisches Evangelium zu kaufen. Am 26. Juni Vormittags besuchten uns sehr viele Chasidim und überhäuften uns mit den sonderbarsten Fragen. Einer frug zum Beispiel: „Sind Sie Agenten der russischen oder der preußischen Regierung?" Ein Anderer: „Sind Sie Missionäre oder Kommissionäre?" Ein Dritter: „Kommen Sie direkt, aus England oder von Berlin?" Ein Vierter: „Bitte, sagen Sie mir doch offen, wie viel ein Jude bekommt, wenn er sich taufen läßt, nur 1000 Rubel oder noch mehr?" Ein Fünfter: „Warum verkaufen Sie Ihre Schriften so billig?" Darauf erwiderte ihm ein anderer Chasid: „Weil die Mission unsichtbare Kreuze in's Papier ihrer Schriften hineindrucken läßt." Ein Sechster frug: „Wollen Sie die Juden zu der englischen oder zu der russischen Religion bekehren?" Ein Siebenter: „Wo und wie haben Sie aber so schnell Polnisch gelernt?" rc. Die polnischen Juden setzen nämlich voraus, daß Jeder, der ihnen das Evangelium verkündigt, nothwendig ein Engländer sein müsse. Nachmittags besuchten uns „heidnische Juden", denen gegenüber wir das Dasein Gottes und die Göttlichkeit der 10 Gebote vertheidigen mußten. Einer berief sich auf Strauß und Renan; ein Anderer schwärmte für Feuerbach und Sydow und ein Dritter rief begeistert aus: „Wenn ich den Darwin sehen könnte, so würde ich ihm zu Füßen fallen und ihn wie einen Gott anbeten und verehren!" Der christliche Leser kann sich denken, welches Geistes Kinder diese Menschen waren!