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Dibre Emeth · 1874-01-01 · 5-6 (1874) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
30 (1874)
Issue
5-6 (1874)
Date
1874-01-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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76 Am 12. Juni früh kam die Polizei mit einem gelehrten Juden und zwei Beamten wieder, um die hebräischen, polnischen, deutschen und russischen Schriften noch einmal gründlich zu revidiren. Nun waren sie überzeugt, daß wir keine verbotene Schriften hatten. Nach der Revision kaufte der jüdische Dolmetscher selbst einige Missionsschrifteu in hebräischer Sprache, die Beamten nahmen dankbar russische Evangelien und Schriften zum Andenken an und damit war diese ganze Affaire erledigt. Der 14. Juni war ein Sabbath, an welchem die Juden am meisten Zeit und Muße haben, darum war unser Zimmer von 2 Uhr Nachmittags bis 11 Uhr Nachts immer voll von Juden aus allen Klassen und Ständen. Zuerst kamen die „Chasidim" oder Pharisäer unter der Anführung ihrer „Mclamdim" (Bolkslehrer); dann kamen die „Mithnagdim" oder die orthodoxen Gegner der Chasidim und zuletzt kamen auch die neumodischen „Sadducäer" oder die Reform - Juden unter der Anführung ihrer Epikuräer und Atheisten. Die Einen waren gehässiger als die Andern und an thörichten und frivolen Fragen überbot Einer den Anderen. Diese drei Richtungen des polnischen Judenthums der Gegenwart hassen sich zwar gegenseitig mit einem unversöhnlichen Haß; aber in der Feindschaft gegen Christum sind sie alle so ziemlich einig. Während ich mit ihnen so eifrig disputirte, flogen zwei Steine durch das offene Fenster in unser Zimmer hinein (welches auf dem ersten Stock war) und über meinem Kopfe hinweg, so daß sie ihr Ziel verfehlt haben. Diese Steine waren direkt nach meinem Kopfe gezielt; aber Gott der Herr wendete die Gefahr in Gnaden von uns ab, darum verfehlten sie ihr Ziel. Ich hob die Steine auf und zeigte sie meinen Gegnern mit den Worten: „Sehet! das ist die Frucht der Religion, die Ihr so eifrig vertheidigt!" Am 25. Juni war unser Zimmer buchstäblich voll von 9 Uhr Morgens bis 9 Uhr Abends und der Herr schenkte mir große Kraft und Freimüthigkeit, das Evangelium Jesu Christi den Söhnen Abrahams den ganzen Tag hindurch zu verkündigen, ohne zu ermüden. Auch viele Katholiken, Russen, Offiziere und Beamten kamen und kauften das Wort Gottes mit Dank und Freude. So besuchte uns auch der Inspektor der hiesigen Gefängnisse und kaufte für alle Gefangenen poln. Neue Testamente, russ. Evangelien, Traktate und allerlei Schriften religiösen Inhalts und war sehr dankbar.

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