Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 30 (1874)
- Issue
- 5-6 (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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75 Händen, bezahlte selbst die drei Kopeken dafür und fing sogleich an laut daraus vorzulcsen. So standen in allen jüdischen Straßen einige Gruppen und lasen das Evangelium Matthäi den Anderen vor; diejenigen aber, welche Hebräisch verstanden, kauften auch ganze Neue Testamente, hebr. Bibeln und Psalmen. Das-konnte ein blinder, jüdischer Fanatiker nicht länger ertragen. Er wurde so feindselig und erbittert gegen uns, daß er wie ein Wahnsinniger in den Straßen herumging und wüthend auf russisch und polnisch schrie: „Diese Menschen haben geschmuggelte preußische Maare und wollen damit unsere Religion vernichten!" Bald kam er mit einem russischen Polizisten in unser Zimmer, fing an zu toben und zu schimpfen und zeigte dem Polizisten, daß unsere hebr. Bibeln und Testamente, welche in Berlin, Wien und London gedruckt sind, nicht mit dem russischen Censur-Stempel versehen seien. Ich zeigte aber dem Polizisten das Zeuguiß von der Warschauer Censurbehörde, daß alle unsere Schriften durch die russische Censur passirt sind, und damit war er auch zufrieden. Der Jude aber behauptete steif und fest, unsere Bücher wären geschmuggelt, denn jedes einzelne Buch müßte mit dem russischen Censur-Stempel versehen sein. Um ihn dennoch zu besänftigen, fügte ich noch hinzu, daß auch der Oberrabbiner unsere Bibeln und Schriften durchgesehen hätte; darauf erwiderte er mir aber: „Seien Sie verflncht sammt unserm Oberrabbiner, beim er ist noch ein größerer Ketzer (Min) als Sie!" Darauf lief er in Wuth zum „Naczelnik Powiatu“ (Kreis- Chef) und denuncirte uns. Gegen 11 Uhr Nachts kam auch wirklich der Kreis-Chef mit der ganzen Polizei zu uns, besah unsere Papiere, Pässe, Attestate und Patente, betrachtete unsere Bibeln und Schriften, und fand zwar Alles in Ordnung; aber um der jüdischen Denunciation zu genügen, ließ er unsere Schriften wieder einpacken und versiegeln. Alle Vorstellungen, Erklärungen und Bitten, es nicht zu thun, waren vergebens. Während die Polizei in unserm Zimmer war, standen die Juden in Schaaren vor unserm Hotel und jauchzten vor Schadenfreude, denn sie erwarteten mit Gewißheit unsere Arretirung und die Konfiskation unserer Schriften. Gegen 12 Uhr Nachts verließ uns endlich die Polizei und nun kamen noch die schadenfrohen Juden, um sich an dem Anblick unserer versiegelten Kisten zu weiden.