Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 30 (1874)
- Issue
- 5-6 (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Buße thun und nie wieder den Talmud bekämpfen. Ach, er eiferte wohl um Gott; aber mit Unverstand. Ich öffnete daher meine hebr. Bibel und zeigte ihm aus dem Gesetz und aus den Propheten und Psalmen, wer von uns Beiden auf dem falschen und wer auf dem rechten Wege sei. Er wurde auch gleich ruhiger und schwieg stille. Zuletzt kaufte er noch die vier Evangelien und fünf hebräische Missionstraktate. Am 3. Juni besuchte mich ein evang. Christ aus Israel, der einzige Proselyt in dieser Stadt. Ich fand in ihm einen ernsten, aufrichtigen und frommen Mann, der dort in aller Stille und Verborgenheit aus freien Stücken unter den Juden wie ein Missionar und unter den Katholiken wie ein Evangelist wirkt. Ich ermunterte ihn, fortzufahren, die Tugenden Dessen durch Wort und Wandel zu verkündigen, der uns von der Finsterniß zu seinem wunderbaren Lichte berufen hat. 1. Petri 2, 9. Am 11. Juni ging der Kolporteur in das Büreau des Kreis- Chefs und erhielt dort die Erlaubniß, unsere russischen und polnischen Anzeigen an die Ecken der Straßen anzukleben und unsere Schriften verbreiten zu dürfen. Darauf besuchten wir den hiesigen Oberrabbiner K., welcher ein bedeutender hebräischer Schriftsteller ist. Der 70jährige ehrwürdige Rabbi empfing uns sehr freundlich, betrachtete unsere Schriften, namentlich Herschons „Pentateuch nach dem Talmud" und ertheilte uns gerne die Erlaubniß, unsere hebr. und jüdischen Anzeigen an die Synagogen anzukleben und unsere Schriften und Bibeln unter den Juden zu verbreiten. Ferner besuchten wir auch den jüdischen Lehrer und luden ihn und seine Schüler ein, uns zu besuchen. Nun begannen wir das Netz deö Evangeliums in Wloclawek auszuwerfen und zwar zuerst unter Israel nach dem apostolischen Vorbilde. Der Kolporteur nahm hebr. Bibeln, Neue Testamente und jüdische Matthäus-Evangelien in seine Reisetasche und ging damit in die Stadt. Bald sah' er sich von Männern und Frauen, Jünglingen und Jungfrauen, Knaben und Mädchen aus allen Klassen und Ständen umringt, welche das Matthäus-Evangelium in ihrem Jargon kaufen wollten, so daß der Kolporteur in einer halben Stunde auf offener Straße 30—35 Matthäus-Evangelien verkaufte. Es entstand unter den Käufern ein förmlicher Kampf um dieses Evangelium. Wenn Einer ein solches kaufen wollte, so kam ein Anderer, riß es ihm aus den