Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 29 (1873)
- Issue
- 11-12 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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170 anbeten kann „ mein Herr und mein Gott." Jedermann weiß es, sie sind stolze, empfindsame und hochtrachtende Leute. Wie gern verweilen sie bei der vergangenen Herrlichkeit ihrer früheren Tage, bei dem Einfluß, den sie gegenwärtig durch ihr Geld ausüben, bei dem Glanze, der ihre Zukunft vergolden wird! Die unter ihnen der Wahrheit des Evangeliums nachforschen, besitzen diese Eigenthümkeiten ihrer Nation. Daher fühlen gar manche Juden, welche in der literarischen, der amtlichen und commerciellen Welt eine höhere Stellung einnehmen, eine Art von Widerstreben, sich dem Unterricht des Missionars, durch den sie doch zuerst den kennen gelernt haben, der das ewige Leben ist, zu unterziehen. Sie werden Christen, vermeiden aber sorgfältig alles Aufsehnerregen. „Ich wollte Sie wohl besuchen und gelegentlich auch Ihren Morgenvorlesungen beiwohnen," sagte ein Jude vor Kurzem zu dem Prediger Stern, „aber ich bin ein Geschäftsmann und liebe es nicht, meine religiösen Gefühle von Jedem, mit dem ich in Berührung komme, critisirt zu sehn." Doch sind unsere Bekehrten, wenn sie auch nicht hohe Stellungen in der Bank oder den Handelskammern einnehmen, oft Männer von großen Fähigkeiten und literarischen Kenntnissen. Während -es vergangenen Jahres taufte Pr. Stern Mehrere, die für das Rabbinat herangebildet waren. Ihre Kenntnisse würden sie zu angesehenen Stellungen unter ihren früheren Religionsgenossen erhoben haben, sie opferten aber mit Freuden Ehre und Wohlleben der liebgewordenen Ueberzeugung und dem sie seligmachenden Glauben. Das beständige Anwachsen der Zahl unserer Proselyten hat dazu gedient, den Ruf noch zu erhöhen, den der Palästina-Platz unter den Juden genießt. In diesem abgelegenen Winkel der Hauptstadt kann man daher Besucher aus allen Gegenden der Welt sehn. Die Einen zieht die Neugier herbei, Andere der religiöse Zweifel oder ein Geist der Spottsucht, nicht wenige aber ein ernstes und lebendiges Verlangen, frühere Eindrücke von der Wahrheit gestärkt und ihren beginnenden Glauben an den gekreuzigten Christus bestätigt zu erhalten. Diese einander so entgegengesetzten Beweggründe führen Manche zu der täglichen Bibelstunde am Morgen und zu dem hebräischen Gottesdienste am Nachmittage des Sonntags. Bei