Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 29 (1873)
- Issue
- 9-10 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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158 fühlt vielleicht unter einem ruhigen und friedlichen Gespräch den Schleier, der über seinen Augen lag, sich lüften; und ein Dritter wird etwa durch den Gebrauch eines guten Buches oder Traktates von den Ketten des Aberglaubens und des Unglaubens frei. Auf alle diese Weisen hat die Mission in London zu wirken gesucht. Prediger Stern daselbst schreibt: Ohne viel von unmittelbaren und sichtbaren Erfolgen sprechen zu wollen, betrachten wir es als einen hoffnungsvollen und interessanten Zug in unserem Werke, daß Juden und Jüdinnen so bereitwillig und gern, oft in Schaaren in Kirchen kamen, wo die Predigt eines Missionars angezeigt worden war. Und zwar war dies nicht allein in gewissen, von Juden dicht bewohnten Vierteln der Fall, wo, wie man sagen könnte, sich nur arme und ungebildete Leute versammeln, sondern auch in Quartieren der Hauptstadt, die über jene armen Whitechapel und Spitalfields eine stolze Ueberlegenheit behaupten. Vor Kurzem betrat ich die Kanzel in einer dieser aristrokatischen Gegenden. Der Parochialgeistliche und ich selbst setzten nicht voraus, daß gar viele der glücklich situirten und reichen Juden in diesem Pfarrsprengel zur Kirche kommen würden. Die christliche Versammlung war zahlreich, aber besonders erfreute es mich, in jeder Reihe der so wohl besetzten Stühle eins oder mehrere jüdische Gesichter zu sehen. Alle gehörten den besseren Klassen an und ihr ganzes Verhalten während der Dauer des Gottesdienstes war ein durchaus anständiges und der heiligen Statte angemessenes. Wahrscheinlich stimmte die Mehrzahl meinen Ausführungen nicht zu. Das war natürlich zu erwarten. Denn der Unglaube ist nicht leicht zu überwinden und von Jugend auf eingesogenes Vorurtheil nicht so schnell beseitigt. Doch sind wir dafür dankbar, daß eine so große Zahl sich willig finden läßt, der Botschaft von der Gnade durch einen gekreuzigten Erlöser zuzuhören. Die Arbeit kann nicht vergeblich sein, unsere Zeit und Mühe nicht umsonst verwandt. Das Wort des Lebens wird in einigen Herzen Wohnung machen und den Einfluß ausüben, den es in der Tbat beweist, „daß es eine Kraft Gottes ist, selig zu machen Alle, die daran glauben." Oder: Neuerdings besuchte ein gebildeter algierischer Jude den Prediger Stern. Seine Sprache, ein vortreffliches Französisch, und sein ganzes Benehmen zeigten, daß er eine höhere Lebensstellung einnahm. Nach einer kurzen Unterhaltung über die jetzt herrschenden Systeme des Unglaubens, die das Fundament jedes Glaubens an eine göttliche Offenbarung unter den deutschen und ftanzösischen Juden untergraben haben, zog er aus seiner Tasche den Traktat der Gesellschaft über Jesaia 53 und ihn hoch haltend sagte er in feierlichem Tone: „vor wenig Monaten noch war ich ein ausgesprochener Zweifler und lächelte über die Vorstellungen von Himmel und Hölle, aber piks Blatt siel durch göttliche Fügung in meine Hand. Ich